Nachlese: Tragische Männer – Feridun Zaimoglu und Wolfgang Schömel über Romantik

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Wolfgang Schömel, Meike Feßmann und Feridun Zaimoglu, Foto: Juliana Krohn

„Ich hasse sie!“, rief Feridun Zaimoglu, die ausgestreckte Hand wies hinüber zu Wolfgang Schömel. Feridun Zaimoglu meinte nicht Schömel selbst, vielmehr dessen Romanfigur Dr. Georg Glabrecht aus Schömels Roman „Die große Verschwendung“, und er war mit dieser Meinung nicht allein.
Tatsächlich ist der fiktive grüne Wirtschaftssenator erstmal eine schwere Zumutung: Glabrecht wird, neben Selbstzweifeln und Schwermut, insbesondere von einem so fragwürdigen wie libido-betonten Frauenbild geplagt. Und doch glaubt der Mann an die Liebe.
Das mag als Herausforderung gelesen werden; und wer sich mutig in den Glabrecht’schen Kosmos aus Machismo und Menschenekel begibt, wird mit einer klartextstarken, brillant geschriebenen Satire über Kulturpolitik, männliches Midlife-Krisenmanagement und die Sehnsucht nach Erlösung in der Liebe belohnt.

Mit „Die große Verschwendung“ hat Wolfgang Schömel genau den Roman vorgelegt, der in den bisherigen Debattenbeiträgen des forum:autoren so vehement gefordert wurde: Mit Georg Glabrecht betritt eine realistisch gezeichnete Figur die literarische Gegenwartsbühne, die als Senator tief in den großen gesellschaftlichen Zusammenhängen der aktuellen Kulturpolitik verwurzelt ist. Neben dem real-politischen Bild gelang Schömel auch der geforderte Anti-Familienroman: Dass die Figur Glabrecht als Mann von einem rauschhaften Machismo geprägt ist, dürfte nur Schöngeistern als Einzelfall aufstoßen – Männer wie ihn gibt es zuhauf.

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Wolfgang Schömel, Foto: Juliana Krohn

Nach einer ausführlichen Einleitung in das Thema „Die Tragik der Männer mit und ohne Frauen“ durch die Journalistin und Kritikerin Meike Feßmann las zunächst Wolfgang Schömel im ausverkauften großen Saal des Literaturhauses: Und, so viel darf verraten werden, schonte das Publikum mit den ausgewählten Textpassagen eher.

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Feridun Zaimoglu, Foto: Juliana Krohn

Feridun Zaimoglu las wundervoll und mit Reibeisenkaramell-Stimme aus seinem neuen Roman „Ruß“, dessen kniffliger, formal strenger Aufbau im Vortrag durch den Schriftsteller zum lyrischen Ereignis wurde. Zaimoglus Ruhrpott-Roman um Liebe, Trauer und Rache versammelt einen „illustren Reigen von Männlichkeit“, wie es Katharina Granzin für die taz notierte, und so war Zaimoglu am gestrigen Abend ebenfalls eine thematische Traumbesetzung.

Nach den Lesungen saßen sie sich dann gegenüber: Schömel mit seiner Figur eines „bös verhexten Romantikers“, wie es Kurator Matthias Politycki benannte, und Feridun Zaimoglu mit seinem „romatischen Liebesdealer“ – zu sagen hatten sich die Herren allerdings nicht viel. Vielleicht hätte man schon beim Vorgespräch dabeisein sollen, denn dort (so verriet Meike Feßmann) sei es zunächst nur um Uhrenmarken, Schuhe und Hemden gegangen, auf der Bühne dann um die Liebe.

Immerhin artikulierte Zaimoglu seinen Hass auf Glabrecht, der „Weltschmerzverklärung mit genitaler Zuckung“ verwechsle. Zu kurz gelesen, findet der Chronist, der im Buch durchaus auch die selbstzerstörerischen Sehnsuchtsmotive jenseits der Libidotüchtigkeit finden konnte. Einig war man sich, dass die „Durchgängigkeit der Erwartungen“ in den großen Liebeszusammenhängen für viel Leid und Missverständnisse sorge.

Gegen Ende des Abends war man dann in der Gesellschaft angekommen; Schömel bedauerte den Rückgang von Liebe und Erotik bei gleichzeitig steigender Vereinsamung der Menschen in Zeiten der medialen Überhöhung reiner Sexualität. Eine Faktenlage, die Zaimoglu seltsamerweise vehement bestritt. Er kenne viele Menschen, die sich nach wie vor lustvoll ins Zwischenmenschliche begäben, in „Discos und Cafés“. Das ist eine romantische Vorstellung, und schön für die Menschen, die Zaimoglu kennt, die Tatsache aber, dass wir in einer neuen Single-Gesellschaft leben, blieb außen vor.
Wertvolle Zeit verstrich beim Versuch, diesen Sachverhalt zu klären, dann begab man sich, durchaus erleichtert, in den Salon der lebenden Dichter. Dort wurde dann richtig diskutiert.

2 Gedanken zu “Nachlese: Tragische Männer – Feridun Zaimoglu und Wolfgang Schömel über Romantik

  1. Wirklich schön geschrieben, jedoch empfinde ich gerade aus diesem Grund die doch wirklich vielen Flüchtigkeitsfehler als mehr als störend. Insbesondere auf einer Literaturseite sollte so etwas vermieden werden. Aber inhaltlich: sehr gut!

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