Klartext (17.11): Stefanie Schütte

War da noch was? Habe ich irgendetwas überhört? Ein leises Flüstern vielleicht? Das davon kündet, dass sie doch auch nach außen schauen, die deutschen Autoren der Gegenwart, in die große Welt. Und nicht nur nach innen? Oder nach hinten? Oder gar nach „unten“? Als sei ein Schoßgebet so viel weltbewegender als das, was doch eigentlich im Moment die Welt bewegt. Schade!

Ob Global Warming, Bankendesaster, Europakrise, Ozeansterben, Bürgerkriege, Atomdebatte, die Revolutionen in der arabischen Welt oder die tiefgreifenden Veränderung unserer Wahrnehmung durch das sogenannte internetgesteuerte Denken: Die deutsche Literatur hält sich all diesem gegenüber seltsam bedeckt. Im allgemeinen Palaver angesichts dieser tatsächlich drängenden Themen kann ich ihre Stimme nicht hören.

Stattdessen scheint Rückschau oder Nabelschau angesagt. Oder eben beides – Nabelschau durch Rückschau. Der Titel Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend gehört zwar zu einem Sachbuch (ein durchaus lesenswertes sogar), doch könnte er auch über vielen Romanen der Gegenwart stehen.

Der Blick vom Ich weg auf ein Außen scheint dagegen nur in der Rückschau möglich – in großartig konstruierten Büchern wie Der Turm von Uwe Tellkamp oder In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge. Selbst ein so gegenwärtig und cool daherkommendes Buch wie Gegen die Welt von Jan Brandt beleuchtet vor allem eins: das Gestrige, das eben nicht mehr Aktuelle, das  mit Schärfe, Witz und kühnen Formspielen betrachtet werden kann. Es verursacht ja keinen akuten Schmerz mehr, fordert keinen Widerspruch heraus. Hier kann man sich auch nicht mehr in die Nesseln setzen, wenn man irgendwie literarisch Stellung bezieht. Das von Walter Benjamin in seinem Text über den Angelus Novus, den nach hinten blickenden Engel der Geschichte angeführte Zitat von Gershom Scholem bekommt im Hinblick auf die deutschen Literaten wieder Aktualität: „Mein Flügel ist zum Schwung bereit, ich kehre gern zurück, denn blieb ich auch lebendige Zeit, ich hätte wenig Glück.“

Zur „lebendigen Zeit“ Stellung zu beziehen, das scheint schwierig. Vielleicht ist die ironische, gebrochene und damit ja immer nur mittelbare Betrachtungsweise derart stark zum Gebot des Denkens geworden, dass eine ohne Distanz arbeitende Sicht per se unter dem Generalverdacht der Naivität steht. Zudem ist ja längst das Ende aller Utopien ausgerufen worden. Doch das sollte eigentlich kein Hinderungsgrund für das Schreiben über akute gesellschaftliche Themen sein. Patentrezepte erwartet niemand. Was Literatur  wirklich kann, das ist das Streuen von Zweifeln. Und genau das wäre gerade gefragt. Auch die Occupy-Bewegung bietet keine geschlossene Weltsicht. Sie stellt nur das für gesetzt Gehaltene in Frage. Vielleicht ist den deutschen Schrifstellern einfach die Fähigkeit zur echten Empörung abhanden gekommen. Indignez-vousEmpört Euch, das Manifest von Stéphane Hessel, hat sich in Frankreich millionenfach verkauft. Ist hier bei uns der Ruf verhallt?

Liegt es daran, dass alles so schwierig erscheint? Dass niemand mehr versteht, was Euro-Bonds sind, oder keiner sich mit der Keeling-Kurve beschäftigt? Auch früher gab es komplizierte Zusammenhänge, die Schriftsteller in akribischer Arbeit recherchiert haben. Das geistige Durchdringen des französischen Justizsystems war für den Vielschreiber Balzac bestimmt kein Spaziergang. Und dennoch hat er sich hinein begeben. Warum geht das scheinbar heute hierzulande nicht mehr? Ein Don De Lillo kann das doch auch.

Wir haben tolle Autoren, die virtuos mit Sprache und Konstrukt umgehen können. Was oft fehlt, ist etwas Offenheit und Weltläufigkeit. Deutsche Literaten können viel. Doch ein wenig scheinen sie das vergessen zu haben. Vielleicht würde es schon reichen, wenn sie einmal den Kopf heben würden. Und statt nach innen oder nach hinten oder nach unten einfach mal zur Seite und dann nach vorne blicken.

Stefanie Schütte ist promovierte Romanistin und lebt in Wentorf bei Hamburg. Sie arbeitet als Modekorrespondentin der Deutschen Presse-Agentur.

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