Klartext (15.11): David-Benjamin Berger

Statement

Haben sie schon einem nachwachsendem Naturprodukt gelauscht?
Nein … , Ohren auf. Dem fleißigen und aufmerksamen Literaturfest Besucher müsste klar sein, wovon ich spreche. Für die anderen ein wenig Nachhilfe: Donnerstag durften wir lernen, ewig sträubt man sich, zumeist in jungen Jahren, bis einem dann doch das Etikett Bildungsbürger, wenn nicht gar alt anhaftet. Und findet sich lamentieren über weißbehaartes Opernpublikum und den allgemeinen Kulturverfall, speziell im geheiligten Feuilleton.

Richtet den Blick nicht immer ins Parkett, dreht die Köpfe hoch zu den oberen Rängen, zu den Stehplätze, da finden sich schon sogenannte Bildungsbürger im Wachstum. Das Umwenden mag im Nacken zwicken, aber was meinen sie, wie der Körper nach fast vier Stunden Lohengrin nach Massage schreit; da dürfen sie sich ruhig einmal umdrehen.

Doch zurück zur Gegenwartsliteratur: Ich darf aus dem Programmheft zitieren, S.16: „Sind da nicht viele bemerkenswerte Autoren, die wir (noch) nicht kennen, und junge Talente, die wir nur entdecken müssen?“; so aus der Einleitung zur Eröffnungsveranstaltung. Einen Versuch der Entdeckung wurde bei der Eröffnung jedenfalls nicht unternommen. Und blätter ich im Programmheft voran, reicht ein Blick auf die Autorenportraits. Junge Talente werden auf dem Literaturfest nicht gesucht.

Halt, eine Ausnahme muss ich machen, bei den eingeladenen Lyrikern ist das Bestreben da, ein abwechslungsreiches Programm anzubieten, aber bei der Erzählliteratur…

Dass ein Groß der Leser bei der unüberblickbaren Masse an Neuerscheinungen auf Altbewährtes, bzw. auf stark Umworbenes
-das muss ja schließlich gut sein- zurück greift, wem sollte man das verübeln. Ein Literaturfest hingegen wäre doch der ideale Ort um auf Entdeckungsreise zu gehen.
Mir geht es hierbei nicht um jünger, weiter, höher, besser. Die noch nicht Zwanziger, die gerne mal beim anfänglichen Hochjubeln der Feuilletons verheizt werden, sind dann doch meist von zweifelhafter literarischen Brillianz, als das man ihnen nachtrauern müsste.

Von höchster literarischer Brillianz hingegen sind die Werke Clemens Meyers, zumindest in meinen Augen. Ich bin erstaunt, dass in den letzten Tagen niemals sein Name gefallen ist. Dabei erfüllt seine Literatur viel von dem, was angesprochen oder gar gefordert wurde. Die Suche nach dem kleinen Mann, seinen Geschichten, ehrlich erzählt, in einem wirklichkeitsnahen Realismus, die Suche nach junger Prosa, jenseits vom Schreibschulenstil des absoluten Jetzt Punkt, diese Suche hat ihr erstes Ergebnis. Und wer sich nach den letzten Fragen sehnt, dem lege ich die Seiten 72 bis 92 des formal aufregenden Tagebuchswerks Gewalten ans Herz.
Ich schließe mich ganz Moritz von Uslars Zeilen aus dem Spiegel an: „Clemens Meyer schreibt die derzeit kunstvollsten, die härtesten und herzergreifendsten Geschichten in Deutschland.“ Und ich verspreche, Clemens Meyer darf, wie einst Helmut Krauser, die erste literaturwissenschaftliche Monographie, noch bevor er 50 wird und keine 20 Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten großen Romans begutachten.

Mit Mein sanfter Zwilling von Nino Haratischwili gibt es dieses Jahr sogar den geforderten preisgekrönten Anti-Familienroman. Nur nicht beim deutschen Buchpreis, sondern auf der Hotlist der unabhängigen Verlage. Übrigens ein Roman, der sich definitiv nicht in einen Klappentext zusammenfassen lässt.
Ich vermisse auch Namen wie, bitte erwarten sie keine erschöpfende Liste, Thomas von Steinaecker oder die dem Talentstatus schon entwachsenen Thomas Glavinic oder Daniel Kehlmann. Mag ja sein, das sie gerade kein aktuelles Werk vorstellen können, zumindest zum diskutieren hätte ja der ein oder andere eingeladen werden können. Oder warum nicht mal einem starkem Debüt das Podium überlassen.

Die Auswahl von jüngeren Schriftstellern steht natürlich auf wackligen Beinen. Wer weiß schon, ob sie ihr Niveau halten, ob ihr drittes, viertes, fünftes Buch immer noch herausragend ist. Doch es geht ja nicht darum, einen Kanon aufzustellen, das Uneinschätzbare, das mögliche Fehltreten ist doch gerade der Reiz der Gegenwart. Die Angst vor der falschen Auswahl schreckt schon genug Literaturwissenschaftler von der Gegenwartsliteratur ab. Da haben wir ja gestern schon einiges gehört.

Das Umwenden mag ja hin und wieder beschwerlich sein, v.a. wenn die Jüngeren dazu neigen einem den Kopf zurecht zu rücken; liegt in der Natur der Sache, das wissen Sie selbst. Möglicherweise verpuffen beim gemeinsamen Gespräch aber auch die Gespenster, die immer zurufen: Kulturverfall, Kulturverfall.

2 Gedanken zu “Klartext (15.11): David-Benjamin Berger

  1. Ein sehr richtiger und impulsiver Kommentar.
    Doch leider stören ein paar Rechtsschreibfehler:

    als dass / einem starken Debüt / wackeligen Beinen / zum Diskutieren ….

  2. Pingback: Klartext zum Dritten: Ein Plenum in Hochform | fabmuc

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