Klartext (16.11): Thomas Willmann

Vielleicht ist es schon der provokanteste Teil meines Statements, wenn ich behaupte: Eigentlich geht es der “Deutschen Gegenwartsliteratur” (furchtbar aktenablagemäßige Bezeichnung…) durchaus gut.
Es mangelt weder an Menschen die schreiben (das sowieso nie), noch an Menschen, die für die Veröffentlichung von Geschriebenem sorgen, noch, grosso modo, an professionellen wie individuellen Rezipienten. Die “DGL” (wenn schon, denn schon) hat gewisse Arten von Texten, insbesondere autobiographischen, perfektioniert: Sie dürfte Weltmarktführer sein was das Erzählen von Provinzjugenden, Generationengeschichten, Berliner Bohème-Beobachtungen und Existenz, Ende, Erbe der DDR betrifft.
Man mag sich höchstens sorgen, dass Literaturbetrieb und “Buchmarkt” zunehmend den Anschein von Parallelgesellschaften erwecken. Und man wartet manchmal schon recht lang auf etwas mit Weltgeltung, kann sich nicht immer des Eindrucks eines sich selbstverstärkenden Systems von Geschmäckern, Moden, Mustern erwehren. Was der gegenwärtigen deutschen Literatur aber wirklich abgeht, ist jene Art von Texten, die sich seit jeher bewusst und gekonnt mit etablierten Mustern auseinandersetzt: Was ihr fehlt ist eine ernstzunehmende Genre-Literatur.
Andernorts ist es selbstverständlich, dass man es mit Western, Thrillern und Science Fiction zum ewigen Nobelpreisaspiranten bringt – siehe Cormac McCarthy. Oder dass ein intellektueller Stilist (und ebenfalls Nobelpreiskandidat) wie John Banville offen eine zweite Autorenidentität pflegt, “Benjamin Black”, unter der er den verruchten Freuden von Plot und Suspense frönt. Warum scheint uns der Gedanke so absurd, dass ein Günter Grass nebenher Krimis schreiben könnte?
Und wo sind umgekehrt auf dem ja nun wirklich nicht kleinen deutschen Krimimarkt die James Ellroys, David Peaces, Pete Dexters, die mit Sprachmacht durch das Genre berserkern und es nutzen, um düstere, komplexe Zeitpanoramen zu schaffen, die im emphatischen Sinn Literatur sind?
Wo sind die deutschen Science Fiction-Autoren, die sich diesem “Genre der Ideen” mit einer solchen Intelligenz, Relevanz und stilistischen Qualität annähmen wie eine Margaret Atwood, ein William Gibson, Adam Roberts?
Im Guardian erschien zuletzt ein Kommentar, dass die verdienteren Booker Prize-Kandidaten unter Genre-Autoren zu finden gewesen wären. Das ist diskutabel – aber beim Deutschen Buchpreis scheint es komplett undenkbar. Warum?
Wird diese Art Literatur hierzulande nicht geschrieben, nicht verlegt, oder wird man nur auf sie nicht aufmerksam?

Genre ist Ritual, ist bewusste Auseinandersetzung mit Tradition und etablierter Ikonographie. Und es ist kein Zufall, dass gewisse Muster und Bilder sich gehalten haben – oft berühren sie etwas sehr Fundamentales im Mensch, oder einer Kultur. Wo man das ernst nimmt, ihm nachspürt, es – im doppelten Sinne – aktualisiert, da kann es durchaus Kraft entfalten. Da können Texte sehr viel ansprechen.
In den richtigen Händen kann Genreliteratur sehr Persönliches verhandeln, oder sehr Allgemeingegenwärtiges. Sie kann Obsessionen, individuelle wie gesellschaftliche, in Bilder kleiden, die ihnen oft mehr Resonanz verleihen als eine direkte 1:1-Darstellung das vermag.

Das muss und soll nicht die einzige Funktionsweise von Literatur sein – aber es ist ein großes Defizit, dass die deutsche Literatur es auch nur als Option derart verpönt. Dass sie den grundsätzlichen Wert von Thrillern, Science Fiction, Horror an deren unsäglichsten Vertretern eicht, den von Familienromanen an den Meisterwerken.

Sie teilt hier ein verwandtes Problem mit dem deutschen Film. Die verständliche und notwendige Auf-, Umbruchstimmung der ’60er, ’70er mit ihrem Fokus auf das unmittelbar Politische hat da das Kind mit dem Bade, hat mit “Opas Kino” eine ganze, reiche Genretradition ausgeschüttet.

Und da Genre, wie gesagt, ein Spiel mit lebendiger Tradition ist, ist der Neuanfang nach einem Traditionsbruch enorm schwierig. Zumal, wenn sich andernorts Traditionen mit einem (markt-)mächtigen Muster- und Bildervorrat gehalten haben, die immer zur bloßen, schwachen Imitation verlocken.

Der deutsche Film versucht inzwischen eine Rückeroberung seiner Genretradition mittels Parodie. Und überlässt es Quentin Tarantino, einen großen deutschen Genre-Film wie “Inglourious Basterds” zu drehen, weil der halt mehr Fritz Lang, Alfred Vohrer, Harald Reinl gesehen hat als alle deutschen Jungregisseure zusammen. Der Literatur aber fehlen weitgehend selbst solche Vorbilder, bei denen man anknüpfen könnte.

Trotzdem bin ich nicht ohne Hoffnung, dass mein Mahnruf hier schon etwas veraltet ist. Die Sichtweise auf Genre von Feuilleton, Literaturwissenschaftlern, Publikum, Schreibenden ist heute gewiss verständiger und komplexer als zu Zeiten des Pauschalgebrauchs des dummen Unworts “Trivialliteratur”.
Womöglich tut sich ohnehin gerade etwas: Wolfgang Herrndorf hat eben einen literarischen Thriller vorgelegt. Und Alina Bronsky etwa erzählt in Interviews, sie erwäge durchaus das Schreiben einer Zombie-Trilogie.
Sie erzählt das halbironisch, mit der Pointe, dass ihr Verlag da höflich-nervös lache. Ich würde sagen: Nur Mut -  wer zuletzt lacht…! Colson Whitehead, einer der bedeutendsten afroamerikanischen Autoren, MacArthur-”Genius Grant”-Stipendiat, erobert in den USA gerade gleichermaßen Feuilletons wie Bestsellerlisten. Mit: einem literarischen Zombieroman …

Thomas Willmann, geboren 1968 in München, studierte Musikwissenschaft ist freier Kulturjournalist und Übersetzer tätig. “Das finstere Tal” ist sein erster Roman.

Ein Gedanke zu “Klartext (16.11): Thomas Willmann

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