Klartext (18.11): Odile Kennel

Wenn nein, ändert das etwas?
Ein Interview.

Guten Tag, ich begrüße Sie herzlich an der Universität München zur Debatte zur deutschen Gegenwartsliteratur, zu der wir heute auch eine Autorin geladen haben.
Guten Tag Frau Lennek, schön dass Sie sich bereit erklärt haben, mit uns über die deutsche Gegenwartsliteratur zu diskutieren.

Was halten Sie von der Klage, die in Klagenfurt und anderswo immer wieder zu hören ist, dass es keine Texte mehr gebe, die etwas Neues wagten?

Nichts.

Wenn ich Sie also richtig verstehe, würden Sie der Aussage zustimmen, wonach „das Neue keine Qualität an sich“ sei, „sondern immer eine Interpretation dessen, was schon da ist“[1]?

Ja.

Und füttert – angesichts der zunehmenden Geschwindigkeit des Informationsflusses und der abnehmenden Halbwertzeit des gesellschaftlichen, vielleicht auch persönlichen Gedächtnisses – die ständige Forderung nach „Neuem“ nicht auch genau diese Geschwindigkeitsmaschinerie?

Interessante Idee.

Es ist ja vielleicht kein Zufall, dass gerade wieder mächtige, mehrere hundert Seiten starke Werke im Kommen sind, vielleicht entspricht ihr Erfolg dem Bedürfnis, der Beschleunigung des Lebens dauerhaftes Lesen entgegenzusetzen?

Wahrscheinlich.

Aber ist es deshalb neu? Und wenn nein, ändert das etwas?

Nein.

Und was ist mit den Neuen Medien? Vielleicht sollte man hier nach dem Neuen in der Literatur suchen?

Nicht dass ich wüsste.

Interaktivität, automatische Textgeneration, Texte aus vieler Autoren Hände … nichts, was nicht schon da gewesen oder auf Papier nicht auch hervorzubringen wäre?

Genau.

Aber ist das nicht etwas überheblich? Denken Zeitgenossen nicht immer, sie seien auf dem Höhepunkt der Zeit, des Wissensstands, des Möglichen angelangt? Wurden sie nicht immer eines Besseren belehrt?

Gewiss.

Sie haben Recht. Und nun zu einer anderen Klagefrage, die häufig zu hören ist, ich zitiere:“ Wo sich der [junge] Autor finde, dessen Werk nicht nur um persönliche Befindlichkeiten kreise, sondern eine Lebenswirklichkeit in den Blick nehme, die sich über das Café an der nächsten Berliner Straßenecke hinaus erstreckt? Eine Literatur, die nicht nur in sich, sondern in der Zeit, in der sie entsteht, Stoff für Geschichten findet?“[2] Halten Sie diese Frage für überbewertet?

Ja.

Weil eine gewisse Nabelschau vielleicht altersbedingt ist? Man abgesehen davon nicht einerseits immer jüngere Autoren hofieren und von ihnen schon Reife der Welt gegenüber erwarten kann? Wenn es sich denn überhaupt halten lässt, dass junge Autoren nur über sich schreiben?

Genau.

Meinen Sie damit, dass es Sie misstrauisch macht, wenn – als extremes Gegenbeispiel – „weltbewegende Ereignisse“ innerhalb kürzester Zeit in Romanen auftauchen? Dass „Ereignisse“ dann zu einer beliebig auswechselbaren Kulisse, Romane zu „Eventromanen“ werden?  

Exakt.

Aber wenn Sie mich fragen, so langweilen mich die oben erwähnten „Berliner Clubgeschichten“ zutiefst, genauso wie die Romane schon etwas älterer Autoren  über die Lebenskrise mehr oder weniger etablierter Mittdreißiger, die im Event-, Kunst-, oder Medienmilieu arbeiten.

Mich auch.

Würden Sie folgendes Zitat unterschreiben? „Ein politischer Roman dagegen macht die Politik und das politische Milieu selbst zu dem Gegenstand, von dem er erzählt“[3]?

Nein.

Gibt es ihrer Meinung nach unpolitische Romane?

Nein.

Weil kein gesellschaftliches Subjekt oder Sujet unpolitisch sein kann?

Genau.

Wenn ich Ihre Antwort richtig interpretiere, finden Sie es befremdlich, dass in der Diskussion um die „Politik in der Literatur“ die „Literaten im politischen Diskurs“ verstummt sind, weil sie die Bühne den Terrorismus-, Umwelt-, Börsen-, Neoliberalismus- und Expertenexperten überlassen haben? Dass sich beispielsweise erstaunlich wenige Autoren zur derzeitigen Umdeutung der Welt von einer politischen in eine finanzwirtschaftliche und zur (Selbst-) Entmachtung demokratischer Staaten äußern, obwohl diese auch und gerade durch Sprache zementiert wird?

So ungefähr.

Denken Sie, dass die Beschäftigung mit Politik, das Sich-eine-Meinung-bilden-und-sie-womöglich-öffentlich-Kundtun fast zwangsläufig dazu führt, dass Politik auch in das literarische Schreiben einfließt, weil sie einen nicht loslässt, gewissermaßen mitmischt beim Nachdenken über Protagonisten und Plots?

Doch, klar.

Noch eine letzte Frage, was erwarten Sie von der Literatur?

Ja, ich sehe, unsere Zeit ist um, ich danke Ihnen herzlich für Ihre einsichtsreichen Kommentare und gebe zurück ins Hauptstadtstudio.


[1] Zitatquelle verlorengegangen
[2]
Lena Bopp, FAZ online
[3]
Uli Wittstock, Die Welt online, 05.03.2008

Odile Kennel wurde 1967 in Bühl/Baden geboren und wuchs zweisprachig auf (deutsch-französisch). Sie studierte Kultur- und Politikwissenschaften in Tübingen, Berlin und Lissabon sowie Kulturmanagement in Bukarest und Dijon. Seit 1999 lebt sie in Berlin. Von 1996 bis 2004 arbeitete sie im Kulturmanagement. Odile Kennel übersetzt Literatur aus dem Französischen und Portugiesischen.

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