Klartext zum Dritten: Ein Plenum in Hochform

Foto: Juliana Krohn

Die dritte (unserer insgesamt sechs) Klartext-Debatten war, so zumindest der Chronist, die bislang beste: Während der Montag unter der Übersetzungshürde zwischen Lyrikern und Prosaautoren litt, waren die Schriftsteller und Journalisten Hans Christoph Buch, Fritz Eckenga, Thomas Hürlimann, Dirk Kurbjuweit, Arno Stadler, Tina Uebel, Keto von Waberer, Urs Widmer, Prof. Britta Herrmann, Uwe Wittstock und der studentische Vertreter David-Benjamin Berger am Dienstag in Hochform – auch wenn man sich gelegentlich missverstand (oder missverstehen wollte). Auch blieb die kleine Menschentraube, die sich vor der Tür sammeln musste, friedlich und konnte durch die geöffneten Flügeltüren an der Diskussion teilnehmen.

Berger eröffnete den Reigen mit einem mutigen Statement, in dem er sich als bildungsbürgerliches „nachwachsendes Naturprodukt“ zu erkennen gab – hiermit einen Ausspruch Polityckis vom Donnerstagabend aufnehmend – und dann beklagte, dass der Kurator bei seiner Autorenauswahl (die Lyriker ausgenommen) fast ausschließlich auf ‚gesetzte Herren und Damen‘ zurückgegriffen habe, statt sich den Debütanten und Jungschriftsteller zuzuwenden. Berger selbst hätte sich Clemens Meyer auf den Podien des Literaturfests gewünscht, dessen Werke ihm idealtypisch Polityckis Forderung nach Gegenwärtigkeit und Erzähllust einzulösen schienen.

David-Benjamin Berger. Foto: Juliana Krohn

Die studentische Rüge traf allerdings sofort auf Widerstand: Tina Uebel hielt dagegen, Jugend sei keine Frage des Alters, sondern der Geistes‑ und damit Schreibhaltung; Arnold Stadler wollte keine Forderungen jedweder Art an die Literatur gestellt haben („Es gibt kein Alter im Roman, nur Welt“); Fritz Eckenga spottete, er werde erst mit 65 seinen Debütroman schreiben und wolle dann als ‚Jungautor‘ auf Literaturfeste eingeladen werden; Uwe Wittstock schließlich verteidigte Matthias Polityckis Auswahl als – gezwungenermaßen – subjektiv und damit gerechtfertigt.
Den Ausschlag aber gab der Kurator selbst, der begründete, dass er zu eine ‚Bestandsaufnahme der Gegenwartsliteratur‘ nur Autoren habe einladen können, die schon ein Werk – und das meint: mehrere Bücher – vorzuweisen hätte.

Der Schweizer Autor Thomas Hürlimann, als Zweiter ausgelost, hob anschließend zu einem abstrakten Beitrag an: Er sprach den ‚Dichtern‘ (Hürlimann platzierte diesen Ausdruck bewusst) die einmalige Fähigkeit zu, Zeitläufte in ihrem Werk zu konservieren, die sonst verflögen „wie Sand im Wind“. Als prominentes Beispiel nannte er Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, der das (auch intellektuelle) Klima des deutschen Reichs kurz vor dem ersten Weltkrieg plastisch ausgestaltet habe. Hürlimann grenzte sich damit von Tilman Krause ab, der vor einem Monat in der literarischen Welt sein Desinteresse an historischen Stoffen öffentlich gemacht hatte.

Doch der Schweizer stieß auf wenig Gegenliebe – einige Kollegen hatten ihn auch schlicht falsch verstanden –: So gab Arnold Stadler zu Protokoll, als Schriftsteller solle man sich nicht mit Strukturen befassen, sondern mit Menschen – und das ausschließlich durch kunstvoll-komponierte Sprachgestaltung; Hans Christoph Buch, der sich als abgeklärter Grandseigneur gerierte, setzte nach, Menschen seien schließlich immer schon Strukturen in Gesellschaften und mit deren Darstellung der Politik und den Zeitläuften genüge getan. Tina Uebel knüpfte (unwissentlich) an Paul Nizons vorgestrige Aussage an, historische Romane, die nur um des Zeitpanoramas willen geschrieben würden, seien lediglich bessere Kostüm‑ bzw. (so Uebel) Fantasyfilme; Uwe Wittstock wünschte sich aus der Warte des Literaturkritikers, dass die Autor lieber genau hinsähen statt sich um das soziopolitisch Ganze zu sorgen und hob anschließend zu der (wohl veralteten) Klage an, die deutsche Literatur verkrieche sich in die Beschreibung von Innenwelten.

Die zweite Runde eröffnete Dirk Kurbjuweit, der die Qualität guter Gegenwartliteratur lobte, für die eigentlichen Belange des Lebens „unbrauchbar“ zu machen, also die Sichtweise auf Welt, Strukturen und das eigene Individuum gewinnbringend zu verschieben: Gute Literatur, so Kurbjuweit, der sich auf Sloterdijk bezog, eröffne einen Raum „erlesener Unbrauchbarkeit und Unversöhnlichkeit“.
Urs Widmer durfte anschließend den „pathetischen Mut“ derjenigen Schriftsteller hochhalten, die sich nicht dem Mainstream verschrieben, sondern nach wie vor ihren „Dämonen“ und damit ureigenen dichterischen Antrieben folgten. Widmer hielt auch Ausschau nach den (zuvor geforderten) ‚Jungen‘, die sich in (gerne auch politisch motivierten) Gruppen zusammenschließen sollten, um gemeinsame Ziele zu verfolgen.
Die neue „Avantgarde“, die sich Widmer wünschte, wurde von Uwe Wittstock sofort problematisiert: Wittstock dekonstruierte den Avantgarde-Begriff als historisch unbrauchbar, da er in eine vergangene Epoche gehöre, in der noch eine nachvollziehbare Entwicklungsgeschichte der Gesellschaft bestanden habe.

Urs Widmer und Uwe Wittstock. Foto: Juliana Krohn

Schnell griff die Diskussion auch auf die Themen ‚Buchmarkt‘ (der von Uebel als „Wellness-Eskapismus für Anspruchsvolle“ gescholten, von Wittstock verteidigt wurde) und – interessanteweise, weil auch hier im Blog schon mehrfach vertreten – Poetry Slam und Lesebühnenkultur über: Eckenga pries Slam-Veranstaltungen als aktive Gegenkultur, die sich den Marktgesetzmäßigkeiten entziehe und ihre eigenen, unabhängigen Spielregeln und Akteure hervorbringe.

Politycki nutzte die Gelegenheit, um noch einmal seine programmatische Ausrichtung zu stärken und gegen mehr oder prominenten „Mediendarsteller“ zu wettern, die von den Verlagen angehalten würden, „auch noch ein Buch zu schreiben“ und so den ‚richtigen‘ Schriftstellern Aufmerksamkeit abgrüben. Generell fehlte aber bei allen Teilnehmern ein Bewusstsein dafür, dass Konsumentenbedürfnisse sich immer weiter verzweigen und – gerade im Internet – immer zielgenauer zu den für sie stimmigen Produkten finden: und zwar ohne Umwege über Großvertriebe und Marktmächte.

Uwe Wittstock war es vorbehalten, die Diskussion mit einem Plädoyer gegen Romanzensur zu beschließen, zu dem besonders die anwesende Tina Uebel etwas zu sagen gehabt hätte, deren Buch „Last Exit Volksdorf“ vor einiger Zeit vom Markt genommen worden war.
Uebel allerdings schwieg: Sie durfte sich schlicht nicht äußern.

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