Im Totenreich der deutschen Literatur

Moderatorin Cornelia Zetzsche, wie stets im aparten The-Munsters-Look, hatte sich Sibylle Lewitscharoff und Burkhard Spinnen zur Seite gesetzt, von denen Erstere das Jenseits, Zweiterer das Diesseits vorstellen sollte – keine ganz zufällige Wahl, ist Lewitscharoff doch als Expertin des Phantasmatischen, Wahn‑ und Rauschhaften ge‑ und berühmt, während Spinnen als „Archäologe des Alltäglichen“ – so zumindest ein gerne verwendetes Etikett – sich als Chronist des Mittelmaßes versteht, dessen Bewohner er auf beeindruckende Weise beim Scheitern beobachtet und beschreibt. Spinnen verstand es, klug seine Poetik zu erläutern, die ihm nicht nur einen ‚Handwerkerstolz‘ auferlegte, um bestimmte schriftstellerische Aufgaben zu meisten, sondern ihn auch und gerade im Alltäglichen und Durchschnittlichen nach extremen Auswüchsen suchen ließ, die ihn als Erzähler reizten.

Glücklicherweise waren bei Autoren dem hochgegriffenen Abendthema „Soll das schon alles gewesen sein?“ mehr als gewachsen; Lewitscharoff brillierte als studierte Religionswissenschaftlerin mit scharfen Einsichten in die Gemütslage des abendländischen Menschen und erlaubte Enblicke in die Werkstatt ihres aktuellen (und wiederholt preisgekrönten) Roman „Blumenberg“: So erzählte sie, den Roman aus dem vielschichtigen Motiv des Löwen heraus entwickelt zu haben, bevor sie sich – in vorsichtiger Distanz – dem bewunderten Philosophen Blumenberg zu nähern begann, um dessen Werk und Wesen in der Gestalt des mythischen Tiers zu spiegeln. „Eine Biographie ist das natürlich nicht“, so die Schriftstellerin.

Spinnen nutzte die Gelegenheit zu einem kleinen Exkurs über Metaphern (zu denen Blumenberg geforscht hatte), die der Autor als ‚magisches Instrument‘ pries; bevor beide Autoren sich darüber verständigten, dass Literatur keineswegs immer realistisch erzählen müsse, sondern nur die Aufgabe habe, das Mögliche als wahrscheinlich erscheinen zu lassen.

Spinnen, dessen Erzählungen nur vermeintlich erdennäher daherkommen als diejenigen Lewitscharoffs, machte den Antrieb seines Schreibens an einem Gefühl der ‚Ausgeschlossenheit‘ fest, die er durchaus auch als ‚metaphysische Trostlosigkeit‘ zu verstehen geben wollte. Spinnen schilderte das Schriftstellerdasein als Pathogenese aus dem Bewusstsein der eigenen ‚Vertriebenheit‘, die es in der Literatur produktiv umzumünzen gelte. Lewitscharoff stimmte insofern zu, als auch sie ihren Gestaltungswillen auf die Empfindung eines grundsätzlichen Mangels gründete, der erst im Schreiben kompensiert oder gar sublimiert werden könne.

Vollends metaphysisch wurde die Diskussion, als Spinnen von einem geplanten Hiobs-Roman zu erzählen begann und sich fragte, ob das Bewusstsein des eigenen Todes nicht ein „grausamen Fehler in der Konstruktion unseres biologisches Apparates“ sei, der unsere Todesverdrängung erst herausfordere. Er auf jeden Fall versuche, in seinen Roman wie in seinem Leben, das ‚große Nichts‘ eher als Trost denn als grausamen Abgrund zu denken.

Alle Fotos: Juliana Krohn

2 Gedanken zu “Im Totenreich der deutschen Literatur

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