Klartext (17.11): Maike Albath

Plädoyer für das Erfinden

In diesem Jahr habe ich sehr viele deutsche Romane gelesen. Ich lese in jedem Jahr sehr viele Bücher, das beklage ich gar nicht, nichts tue ich lieber als das. In fiktionale Welten einzutauchen, mich mit deren Eigenarten auseinander zu setzen, die Figuren kennen zu lernen, mit der Sprache eines Romans umzugehen, ist nicht nur ein ästhetisches Erlebnis, sondern bietet auch einen Zugang zur Welt und zu unserer Zeit. Was nicht heißt, dass ein Roman zwangsläufig aktuelle oder historische Geschehnisse erschließen muss. Oft sagen sogar Romane über innere Biographien und den Zustand einer einzelnen Person und ihr subjektives Empfinden sehr viel mehr über die Gegenwart aus als Geschichten, die einfach nur Realien abpinseln. Die Romane von Wilhelm Genazino sind dafür ein Beispiel. Deshalb sind Forderungen nach einem ultimativen Wende-Roman oder nach der endgültigen Abrechnung mit der Bundesrepublik unsinnig. Diese Bücher entstehen dann, wenn die Zeit dafür reif ist. Wenn ein Schriftsteller einen bestimmten Grad an Sättigung erreicht hat und ein Buch daraus machen kann – wenn er genügend nachgedacht, wahrgenommen, gelesen und geschrieben hat. So wie es bei Jan Brandt der Fall war, der einen großen Ostfriesland-Roman vorgelegt hat, aber gleichzeitig eine Geschichte über Ausgrenzung, Unterdrückung, die bundesrepublikanische Provinz und die achtziger Jahre erzählt.

Einen Mangel an Welt kann man in den Romanen des Jahres 2011 auch gar nicht beklagen. Die Auslotung autobiographischer Erfahrungen scheint eine gewichtige Rolle zu spielen, das Erbe der DDR, eine neue Art von Heimatliteratur und die Erforschung der Bundesrepublik treibt offenkundig mehrere Generationen um. Dabei gerät aber etwas ins Hintertreffen: das Ausdenken und Erfinden, eigentlich ein Privileg der Literatur. Damit meine ich nicht notwendig irgendwelche phantastischen Sphären. Sondern das Erfinden von Stoffen, Orten, Gegebenheiten, Handlungen, Lebenswelten, Figuren. So wie Moby Dick erfunden wurde, wie Carlo Emilio Gadda die Via Merulana neu erfand, wie Tom Wolfe einen zweifellos von der Realität inspirierten Börsenmakler ins Rennen schickte und ihm einen schwarzen Pastor, einen abgehalfterten Boulevardjournalisten und einen ehrgeizigen Staatsanwalt zur Seite stellte, wie Bola᷈᷈no seine wilden Detektive auf die Spur einer erfundenen Schriftstellerin setzte. Natürlich kann und muss dieses Ausgedachte einen realen, meinetwegen auch autobiographischen Kern haben. Das, was mir mitunter fehlt, ist die Verdichtung all dieser Dinge, die Weltfülle, die überbordende Imagination, das Verrückte, das Abgründige, das Tobende, ein irrationaler Kern, etwas, das jenseits des Durchgeplanten und genau Recherchierten liegt.

Es gibt Gegenbeispiele. Feridun Zaimoglu erfindet einen Kioskbesitzer, Martin Walser vergnügt sich mit einem Wiedergänger des Messias und Marlene Streeruwitz erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die eine Ausbildung in einem Sicherheitsdienst absolviert – Realitätspartikel, aber das Schicksal dieser Amy ist ausgedacht. Dennoch sind Schriftsteller, die so arbeiten, im deutschen Sprachraum derzeit in der Minderheit. Das Ausdenken und Erfinden scheint aus der Mode gekommen zu sein. Stattdessen habe ich in den letzten Jahren mindestens drei Romane gelesen, die immer wieder an derselben Ecke der Upper West Side spielen, wo das Goethe-Institut seine Besucher unterbringt, und mindestens fünf über Schriftsteller der vierziger Jahre und mindestens drei, die eigentlich Autobiographien sind. Das hat alles seine Berechtigung. Dennoch scheint mir ein Mangel zu bestehen.

Woran liegt diese Erfindungsabstinenz? Es gibt verschiedene Erklärungen. Wir sind mit der Archivierung beschäftigt, mit der Verarbeitung der Zeitenwende, mit der verwirrenden Vielfalt dessen, was zur Verfügung steht. Gleichzeitig führen die stark vereinheitlichenden neuen Medien und Netzwerke zu genormten Biographien. Phantasie und Imagination werden kaum mehr eingeübt oder sind durch die visuellen Medien billiger zu haben als durch literarische Texte. Fremde Landschaften sind optisch unmittelbar verfügbar, man denke nur an Google Earth. Doch obwohl alles verfügbar scheint, mangelt es an Weltfülle. Was nicht heißt, dass die Schriftsteller zu wenig erleben – im Gegenteil, viele sind eher zu viel unterwegs. Jemand kann hundert Mal den Erdball umrunden, es führt nicht unbedingt zu einem besseren Roman. Entscheidend ist, ob Resonanzräume dafür zur Verfügung stehen. Auf die bin ich nämlich neugierig. Auf das Zusammenspiel von äußerer und innerer Welt, das die literarische Tradition mitschwingen lässt, eine eigene Sprache prägt und zeitgenössische Fragen und Wirklichkeitsausschnitte einbindet.

Maike Albath. Geboren 1966 in Braunschweig. Studium der Romanistik und Germanistik in Berlin, 1996 Promotion über den italienischen Lyriker Andrea Zanzotto. Autorin und Moderatorin bei Deutschlandfunk Köln, DeutschlandRadio Berlin und Sender Freies Berlin. Schreibt für die Neue Zürcher Zeitung, die Frankfurter Rundschau, den Berliner Tagesspiegel und die Süddeutsche Zeitung. Gastauftritte in den Fernsehsendungen „Literatur im Foyer“ des SWR und in „Bücher, Bücher“ des HR. 1997 Auszeichnung mit dem Joachim-Tiburtius-Preis für ihre Dissertation, 2002 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. 2003 erstmals Moderatorin beim Erlanger Poetenfest.

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