Klartext (14.11): Michael Stavaric

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

erlauben Sie mir, mein Statement zur dt. Gegenwartsliteratur mit einer kleinen wahren Anekdote zu beginnen. Es handelt sich hierbei um einen protokollierten Dialog zwischen dem einst gefürchteten Kaffeehausschachspieler Burletzki und dem süddeutschen Meister Köhnlein, wobei der Erstere – überaus motiviert und im Glauben an die eigenen Fähigkeiten – von einem klaren Sieg ausging.
Wie das Schicksal aber so spielt … es kam anders, als er dachte, denn die erste Schachpartie gewann doch tatsächlich Herr Köhnlein.
Burletzki daraufhin: “Ich habe einen dummen Fehler gemacht.”
Die zweite Partie gewann … ebenfalls Köhnlein.
Burletzki: “Alle Partien kann man nicht gewinnen.”
Die dritte Partie gewann … erneut Herr Köhnlein.
Burletzki: “Ich bin heute in keiner guten Form.”
Die vierte Partie gewann, Sie werden es ahnen, Herr Köhnlein.
Burletzki: “Er spielt nicht schlecht.”
Die fünfte Partie gewann erneut Herr Köhnlein.
Burletzki: “Ich habe ihn unterschätzt.”
Die sechste Partie gewann Köhnlein.
Burletzki: “Ich glaube, er ist mir ebenbürtig.”
Sprach´s und verließ den Spieltisch.

Wie sie unzweifelhaft erkannt haben, will Herr Burletzki nicht wahr haben, was längst Faktum ist: Er ist Herrn Köhnlein nicht gewachsen. Auf die dt. Gegenwartsliteratur umgelegt – und darunter verstehe ich tatsächlich noch Belletristik im wahrsten Sinne des Wortes – befürchte ich einen ähnlichen Trugschluss: Die schöne Literatur ist längst ein vernachlässigbares Minderheitenprogramm. Wer liest heutzutage noch belletristische Titel? Werke, die formal und inhaltlich anspruchsvoll, also durchaus „anstrengend“ sind? Wer hat noch etwas für Poesie, experimentelle Prosa oder Romane über, die nicht dem üblichen „roten Faden“ folgen, die keine Anbiederung an den Mainstream bedeuten, die etwas wagen und verrätseln?

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern an ein Zitat von Milan Kundera, der vor vielen Jahrzehnten so klug war zu behaupten, dass – ich zitiere sinngemäß – „einer, der heutzutage noch so verrückt sich, Bücher zu schreiben, dieser das doch gefälligst so tun soll, dass man den Inhalt nicht nacherzählen kann.“ Wenn man so will, ist dies eine Anleitung, sich der, verzeihen Sie mir den Ausdruck, „Klappentextprosa“ zu „entledigen“. Bücher, dies sich problemlos nacherzählen lassen … ich meine, liegt es da nicht auf der Hand, das mit denen etwas – im literarischen Sinne – nicht stimmt? Und überhaupt – warum ist die Literatur in unseren Gesellschaften (und dies bitte auf eine ganze Gesellschaft hin betrachtet) so vernachlässigbar geworden? Liegt es an der heutigen Sozialisation? Am Aufkommen des Fernsehens? Des Internets? Dem Abbau der Mittelschichten? Dem kaum noch vorhandenen Willen der Politik, Bildung zur zentralen Vision des 21. Jahrhunderts zu machen?

Wenn man so will: Die Gegenwartsliteratur ist doch in unserer Gesellschaft kaum noch gegenwärtig!

Und was passiert so hinter den Kulissen des heutigen Literaturbetriebs? Es gibt immer schlechter ausgebildete Buchhändler, die keinerlei Ahnung mehr von ihrem (unter Anführungszeichen) „Sortiment“ haben! Es gibt immer restriktivere Vertriebsmechanismen, die es kleineren und mittleren Verlagen nahezu unmöglich machen, zu überleben. Es ist längst Realität, dass sich Verlage bei den großen Buchketten „einmieten“, dementsprechend ihre „Toptitel“ stapelweise präsentieren dürfen. Es ist längst Realität, dass selbst viele anspruchsvollere unter den großen deutschen Verlagen leicht konsumierbare Titel in den Vordergrund stellen. Und der charismatische Verleger? Ihre Zeit scheint zu Ende zu gehen – es kommen die Vertriebs-, Pr- und Marketingmeister! Ist Ihnen schon aufgefallen, dass in den Verlagen überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten, die – kapitalistisch betrachtet – auf der Strecke bleiben? Geringe Entlohnung, viele Wochenstunden … oder lassen Sie es mich anders ausdrücken: Idealismus vorausgesetzt. Und die Autorinnen und Autoren von anspruchsvollerer Literatur? Selten werden ihre Titel zu Bestsellern – der Normalfall sieht demnach so aus, dass 2-4 Jahre Arbeit (und die brauchte ein Roman wohl ungefähr) mit 6.000-15.000 EUR Honorar „entlohnt“ werden. Wenn überhaupt. Ist das angemessen? Verdient nicht jeder Hilfsarbeiter oder Fußballspieler in irgendeiner belanglosen Regionalliga deutlich mehr?

Aber genug davon – und ich gebe es durchaus zu, ich habe all diese Fragen sehr provokant formuliert …

Darüber hinaus möchte ich in meinem Statement die Wichtigkeit des literarischen Übersetzens und der Kinderliteratur – auch im Hinblick auf die dt. Gegenwartsliteratur – ansprechen. Das literarische Übersetzen selbst, es wird sie gewiss nicht verwundern, wird ebenso desaströs entlohnt wie das Bücher schreiben. Warum aber ist das lit. Übersetzen so wichtig?  Mir persönlich fallen einige Antworten ein: Weil (und ich beziehe mich hier auf Peter Hanenberg und sein Buch – „Europa eine Seele geben“) die Übersetzung das kulturelle Fundament Europas ist. Eine Übersetzung ist die Voraussetzung für ein Gespräch. Weil Übersetzungen das Bewusstsein für die „Differenz“ ausbilden – sie sind das Mittel, mit dessen Hilfe wir und das Wissen und die Erfahrung anderer aneignen können. Und eine solche „Differenz“ ist immer lebensbejahend! Oder auch nur, weil das Übersetzen zugleich die intensivste Form des Lesens ist.

Da fällt mir ein Zitat ein, das einmal ein hoher Bonner Ministerialbeamter zu einem seiner Mitarbeiter absonderte, nämlich: „Schreiben sie diesen deutschen Text ins Französische ab!“ Natürlich ging es hier um keine lit. Übersetzung, doch die sich darin manifestierende Unwissenheit, wie essentiell Übersetzungen in andere Sprachen sind, sie erschreckt mich nach wie vor.

Und was schreckt Sie?

Michael Stavaric, geboren 1972 im tschechischen Brno, lebt in Wien, wo er Bohemistik und Publizistik studierte. Seither ist er als Autor, Übersetzer und Herausgeber tätig.

2 Gedanken zu “Klartext (14.11): Michael Stavaric

  1. „einer, der heutzutage noch so verrückt sich, Bücher zu schreiben, dieser das doch gefälligst so tun soll, dass man den Inhalt nicht nacherzählen kann.“ Wenn man so will, ist dies eine Anleitung, sich der, verzeihen Sie mir den Ausdruck, „Klappentextprosa“ zu „entledigen“. Bücher, dies sich problemlos nacherzählen lassen …

    Gerade angesichts Ihrer sonst richtigen Betrachtungen schmerzen Fehler wie
    ” … noch so verrückt sich” (?) … ist oder wäre, nehme ich an, resp.
    “Bücher, dies sich …” wohl ein “s” zuviel.

    • richtig erkannt .. der tippteufel ..
      und in der tat: ich korrigier und lektorier meine texte und beiträge nicht, das obliegt dann den jeweiligen redaktionen.

      aber sie haben den text ja richtig ergänzt, also was solls?

      und um ein geständnis zu machen:
      ich kann bis heute nicht
      ohne dich
      ohne dir
      unterscheiden ..
      für mich klingt beides richtig ..

      aber deutsch ist ja “nur” fremdsprache für mich ..

      also bitte ich um nachsicht

      michael stavaric

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