An der Uni brannte die Luft: Klartext am Mittwoch

Foto: Juliana Krohn

Wer sich Schriftsteller als gelassene, grüblerische Menschen vorstellt, der wurde gestern bei der universitären Klartext-Debatte eines Besseren belehrt: Aus der Runde taten sich besonders Wolfgang Schömel, Raoul Schrott und Burkhard Spinnen als Wortpriester hervor, während Prof. Oliver Jahraus und Moderator Politycki damit beschäftigt waren, auch den anwesenden Knut Cordsen, Angelika Klüssendorf, Kathrin Schmidt, Jens Sparschuh, Thomas Willmann, Cornelia Zetsche und Studentin Rebekka Fründt zum Wort zu verhelfen.

Zu Beginn hatte Politycki bereits die Devise ausgegeben, dass eine endgültige Standortbestimmung selbst bei so viel versammelter Intelligenz und Kompetenz nicht gelingen werde und auch gar nicht vorgesehen sei: Es ginge vielmehr darum, den lange vermissten Austausch endlich wieder anzustoßen.

Eine Bitte, der Wolfgang Schömel sofort nachkam: Sein Statement hob mit einer offiziösen Liste an, was Literatur als Kunst zu beinhalten habe, darunter Tiefe (meint: Interpretierbarkeit), anspruchsvolle Stilistik und deutliche erkennbare Bearbeitung durch den Autor. Gerade als Schömel, der sich wie am vorhergehenden Abend als großer Pessimist unter den kulturellen Funktionsträgern gab, zur Jeremiade anhob, Kunst habe in der Vergangenheit einmal quasi-sakrale Bedeutung besessen, klingelte Politycki ab.

Ganz gegenteilig äußerte sich daraufhin Angelika Klüssendorf, die zurzeit mit ihrem Roman „Das Mächen“ in aller Munde ist: Nie habe sie darüber nachgedacht, sich und ihr Schreiben in irgendeiner Weise zu positionieren. Klüssendorf entzog sich damit sanft dem Diskurs-Anspruch Polityckis, eine Haltung, die ihr von Schömel prompt als ‚eitel‘ angekreidet wurde. Er forderte im Sinne einer engagierten Literatur, dass Schriftsteller Stellung bezögen. Vom Publikum wurde amüsiert aufgenommen, wie sich die Klüssendorf und Schömel voneinander abwandten und – als Einzige auf dem Podium – demonstrativ voreinander die Arme verschränkten.

Spielte die Unparteiische: Angelika Klüssendorf. Foto: J. Krohn

Raoul Schrott ergriff das Wort, um zu vermitteln: Literatur, die mit Ambivalenzen arbeiten müsse, dürfe im sozio-politischen Raum nicht zu eindeutig Stellung beziehen, sie sei nicht ‚staatstragend‘, sondern ‚individualtragend‘, so Schrott, dem schon öffentliche Lesungen als „nationaldidaktisches Moment“ missfielen. Nun griff auch Burkhard Spinnen ein: Ein Schriftsteller, der mit Sprache arbeite und publiziere, bewirke auch immer etwas für andere mit, sei also apriori gesellschaftlich aktiv, egal, ob er das wünsche oder nicht. Spinnen beklagte allerdings wortgewaltig, dass Autoren im gesellschaftlichen Gefüge der Jetztzeit keine bedeutsamen Rollen mehr einnähmen und es (anders als noch im 19. Jahrhundert) immer schwerer werde, sich in der späten Moderne überhaupt einen festen Standpunkt zu verschaffen, von dem aus man sprechen und schreiben könne.

Kathrin Schmidt und Jens Sparschuh schlossen sich Klüssendorfs neutraler Position an, während Oliver Jahraus aus der Perspektive des Literaturhistorikers sanft mahnte, dass nur denjenigen Epochen und Texten Haltbarkeit garantiert sei, die auch in der Lage seien, sich selbst zu reflektieren.
Burkhard Spinnen nutzte die Gelegenheit, um die Literaturwissenschaft als „Hilfswissenschaft“ abzuqualifizieren, deren Aufgabe es sei, die „Irritationskraft der Literatur“ zu bannen und in eine Art nachvollziehbar Lebenshilfe umzuwandeln und damit zu demystifizieren. Die breite Masse werden inzwischen ohnehin nur noch durch das Marketing erreicht, dessen Sprachgebrauch sich, so der Autor kritisch, inzwischen sogar bis in Feuilleton und Kulturkritik („das beste Buch des Jahres“) verbreitet habe. Spinnen setzte zu einer großangelegten Gesellschaftsanalyse an, indem er darstellte, wie vollständig das politisch-ideologische und kulturelle System inzwischen von der Ökonomie durchdrungen sei: Literatur, die einmal als ‚Zwerg auf den Schultern von Riesen‘ gestanden – meint: als kulturelles Leitmedium gegolten habe – sei inzwischen als Zwerg auf dem Boden angekommen, der den stampfenden Beinen der riesenhaften Wirtschaftsmächte ausweichen müsse.

Raoul Schrott wollte von solcher „Agitprop-Haltung“ nicht viel wissen und stellte dar, dass Literatur schon seit dem mittelalterlichen Minnesang in einem Abhängigkeitsverhältnis von Wirtschaft und Publikum gestanden habe. Dass Schriftsteller überhaupt in der Lage seien, moralisch-politische Geltungskraft auszustrahlen, sei hingegen ein ganz und gar modernes Phänomen; vielmehr habe Literatur in ihrer Zeit fast nie politisch gewirkt, sondern sei immer eine hochentwickelte Form von „kognitiver Pornographie“ gewesen.

Doch Burkhard Spinnen wollte von seiner aufklärerischen Mission nicht ablassen: In Zeiten, in denen jeder „schon als Individuum“ geboren werde und keinen Gestaltungsanspruch mehr habe, könne die Literatur die ihr zugedachte Aufgabe der „Menschheitsbestimmung“ nicht mehr leisten; Hauptursache dafür sei, wie erwähnt, die allumfassende Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Der Mensch, herabgewürdigt zum Konsumenten. Wolfgang Schömel hatte sein Namensschild inzwischen auf Höhe seines Schienbeins befestigt.

Frischen Input lieferten Cornelia Zetsche, die einen Abgesang auf die Verlagsstadt München hielt, und Knut Cordsen, der von seinen Schwierigkeiten berichtete, als Literaturkritiker für die deutsche Gegenwartsliteratur einzustehen. Oliver Jahraus, vom rundum anklingenden Pessimismus entmutigt, verkündete ironisch, er werde gleich das Podium verlassen, wenn die Diskutanten nicht mehr Leidenschaft für ihr Metier aufbrächten. Auch Matthias Politycki mahnte zu mehr Selbstbewusstsein; Burkhard Spinnen griff Cordsen an, dem er – mit Walter Benjamin – vorwarf, als „Stratege im Kulturkampf“ versagt zu haben.

Bramarbasseure vor dem Herrn: Wolfgang Schömel und Raoul Schrott. Foto: J. Krohn

Dann machte Raoul Schrott die spezifischen Mängel des deutschen Literaturdiskurses daran fest, dass die Kritik keine Kriterien mehr zur Verfügung stelle, sondern zu einer reinen „Geschmackskritik“ herabgesunken sei, während der angelsächsische Raum noch an nachvollziehbaren ästhetischen Wertungen interessiert sei (wie die USA in den letzten Tagen ohnehin wiederholt als positives Kontrastprogramm herhalten musste). Die deutsche Literatur, so Schrott, sei immer „200 Jahre hinterher“ gewesen, auch Figurenkonstruktion und narrative Mittel hätten sich seit der Moderne nicht weiterentwickelt (im Ausland allerdings auch nicht); gleiches gelte für die Literaturtheorie.

Das Schlusswort durfte Jens Sparschuh sprechen, der von einem Seminar zum „kreativen Streichen“ berichtet, an dessen Ende feststand, dass vor allem überraschende Bilder als Qualitätsgaranten der bearbeiteten Texte übrigblieben: Solche Überraschungsmomente, so Sparschuh, fehlten zurzeit in der deutschen Gegenwartsliteratur.

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