Klartext (16.11): Rebekka Fründt

Ich bin weder Schriftstellerin, noch Kritikerin. Ich sitze in dieser Runde, weil ich Neuere Deutsche Literatur studiert habe und eine Dissertation schreibe, die sich mit unserer Gegenwartsliteratur befasst. Ich möchte mich aber bewusst nicht aus meiner literaturwissenschaftlichen Perspektive heraus an dieser Debatte beteiligen. Literatur ist nämlich nicht nur für die Feuilletons und die Wissenschaft; Literatur ist auch für den Konsumenten und als solcher möchte ich mich heute äußern.

Die Aufgabe hieß: Klartext reden. Und zwar zur deutschen Gegenwartsliteratur. Und das auch noch in nur fünf Minuten. Erst dachte ich, das sei sehr, sehr schwierig. Aber dann dachte ich, vielleicht ist es auch ganz einfach.

Ich werde mich nicht über die Flut von Familienromanen und Erinnerungsliteratur beschweren. Auch nicht darüber, dass sich nur jene Romane verkaufen, deren Autoren marketing-und medien-getrieben an ihrer Selbstinszenierung feilen. Ich werde auch den Kritikern nicht vorwerfen, Literatur, statt sie zu kritisieren, nur nachzuerzählen. Und ich werde mich nicht darüber auslassen, dass die germanistische Lehre dieser Universität zu wenige Angebote im Bereich der Gegenwartsliteratur bereithält. All das wurde hier bereits – durchaus zurecht – in den letzten Tagen ausgeführt.
Ich möchte stattdessen die Gelegenheit und dieses Podium nutzen, um folgende – in ihrer Einfachheit vielleicht etwas provokante – Äußerung zu machen: Ich lese gerne. Und was ich gegenwärtig zu lesen bekomme, ist alles andere als schlecht.

Ich will Pop, also lese ich Thomas Meinecke, Rainald Goetz oder Andreas Neumeister. Das ist gut und das ist laut.
Habe ich genug davon, lasse ich den Pop untergehen, greife zu dem Zweck zu Christian Kracht und staune, was er daraus macht.
Ich lese auch gerne Elfriede Jelinek, weil ich es manchmal unbequem aber brillant haben möchte.
Oft ist mir nach einer Geschichte, kurz aber keinesfalls leicht, und ich greife zu Judith Hermann. Und weil ich dann sowieso schon melancholisch gestimmt bin, lese ich danach noch einen Roman von Peter Stamm.
Wenn ich mich auf die Suche nach dem Glück begeben will, entscheide ich mich für Sibylle Berg. Ist mir nach Politik und Spannung, lese ich Juli Zeh.
Oder ich entscheide mich für einen Krimi von Friedrich Ani oder Wolf Haas – da bekomme ich eine Portion Lokalkolorit sogar noch gratis dazu.
Ich möchte unbeschwert lachen und lese Joachim Lottmann.
Ich möchte mitreden und lese Charlotte Roche und Helene Hegemann.
Ich möchte einen wahrhaft großen Roman lesen, es soll nichts weniger sein, als ein Geniestreich und ich entscheide mich ohne zu zögern für Helmut Krausser.
Und zum Abschluss will ich vielleicht auch noch gute, anspruchsvolle Abendunterhaltung und gehe zum Poetry Slam.

Man könnte nun sagen, das ist ganz schön viel gewollt, launisch und sprunghaft ist sie noch dazu. Ja, kann ich da nur sagen, das stimmt! Wie gut für mich, dass die gegenwärtige Literatur viel will, viel kann, vielseitig, vielschichtig und vielversprechend ist. Als Konsument von Literatur brauche ich nicht unbedingt den einen epochalen Roman, der mir die Gesellschaft oder das gute Leben erklärt. Es reicht mir, wenn ich den Kosmos, in dem ich lebe, bruchstückhaft, in einzelnen Aspekten, Bildern, Themen und Topoi auf zahlreiche Erzählungen verstreut, wiederfinde. Denn ein großes Gesamtbild lässt sich vielleicht auch als Puzzle zusammensetzen – ganz ohne Konsens uns Kanon.

Das Format dieser Podiumsdiskussion erlaubt keine tiefschürfende und erschöpfende Analyse zur Lage der Literatur. Ein Statement sollte es sein. Klartext eben. Und mein Klartext lautet opportunistisch und naiv: Es ist Literaturfest in dieser Stadt. Also lasst sie uns feiern, die deutsche Gegenwartsliteratur!

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