Nachlese: Thomas Hürlimann und Dirk Kurbjuweit mischen sich ein

Hürlimann, Isfort, Kurbjuweit
Hürlimann, Isfort, Kurbjuweit, Foto Juliana Krohn

Ob er als Leiter des Hauptstadtbüros von DER SPIEGEL nicht ausgelastet sei, fragte Moderator Volker Isfort (Abendzeitung) seinen Gast Dirk Kurbjuweit gleich zu Anfang des Abends, anders sei es doch nicht zu erklären, dass Kurbjuweit noch Zeit fände Romane zu schreiben.

Politik, konterte Kurbjuweit gelassen, bedeute vor allem Warten, in seinem Fall Warten auf Angela Merkel. Der ständige Begleiter im Tross der Kanzlerin wartet viel und arbeitet dabei an seinen Romanen, sechs sind es mittlerweile, drei davon wurden fürs Kino verfilmt. Eben ist mit „Kriegsbraut“, die Geschichte einer unmöglichen Liebe, zwischen der UN-Soldatin Esther und dem einheimischen Schulleiter Mehsud, während des Afghanistan-Krieges erschienen. Kurbjuweit konnte in seinem Roman persönliche Erfahrungen verarbeite, er begleitete als Journalist selbst Patrouillefahrten der Schutztruppen in Afghanistan. Unmittelbar und realistisch gelingt Kurbjuweits Fiktion einer gefährlichen Liebe, gestützt auf journalistisch recherchierten Tatsachen.

Kurbjuweit II
Dirk Kurbjuweit, Foto Juliana Krohn

Kurbjuweit liebt den Schriftsteller-Beruf und das journalistische Schreiben gleichermaßen, die Recherche ist für ihn ein unabdingbares Handwerkszeug und Basis dieser Arbeit. Darum finanziert er, mit seinem eigenen Geld, das von ihm ins Leben gerufene Seminyak–Stipendium für aufwendige Recherchen: “Für mich ist es ein schwer erträglicher Gedanke, dass die Welt rasch zusammenwächst, der Journalismus aber nicht Schritt halten kann, weil kaum ein Verlag aufwendige Recherchen finanzieren will”, erklärte Kurbjuweit im September gegenüber kress.

Das waren erste Antworten auf die Titel-Frage des Abends „Einfühlen oder Einmischen“, beides ist für Kurbjuweit eine Selbstverständlichkeit. Auch die vermeintlichen Schattenseiten und Grauzonen der Einmischung wusste der Journalist gut auszuleuchten. Volker Isforts Nachfragen zur deutschlandweite Debatte um den umstrittenen SPIEGEL-Titel „Er kann es“, wollte Kurbjuweit nicht als verfrühte Wahlkampf-Kampagne für Peer Steinbrück gesehen haben, der Titel sei „nicht glücklich“, der SPIEGEL verstehe sich aber als Stimme in der Politik, habe mit dem Interview eine Debatte angestoßen und so beginne Meinungsbildung. Steinbrück selbst habe der Beitrag, in der Darstellung als Infant Helmut Schmidts, nicht zuletzt auch eher geschadet als genützt.

Hürlimann
Thomas Hürlimann, Foto Juliana Krohn

Auch Thomas Hürlimann ist einer der sich einmischt. Der gebürtige Schweizer lebt in Berlin und hat auch von dort ein strenges Auge auf seine Genossen. Immer schon habe er geschrieben, in der Doppelrolle des Schriftstellers und Journalisten. Als Letzterer hatte auch er eine Episode mit dem Politiker Steinbrück erlebt und das man in der FAZ ausgerechnet den schärfsten Satz zum Titel seiner klugen Abrechnung mit Steinbrück und Müntefering gewählt hatte, bereute Hürlimann, augenzwinkernd, in der Retrospektive.

Die Konfrontation scheute der Sohn des Schweizer Bundesrates und Bundespräsidenten Hans Hürlimann nie, immer wieder habe er sich mit der jüngeren Geschichte seines Landes auseinandergesetzt, leistete mit dem Stück „Der Gesandte“ über die Rolle des Schweizer Botschafters Fröhlicher im Berlin der Kriegsjahre 1938-45 ein Stück Aufarbeitung.

Als Schriftsteller aber schöpfe er aus den eigenen Geschichten, immer gehe er beim literarischen Erzählen von den Figuren aus, eine politische Dimension sei dabei eher Kulisse für die Protagonisten. Beispielhaft las Hürlimann zwei Kurzgeschichten aus seinem Erzählband “Dämmerschoppen“, konzentrierte Miniaturen, wie etwa die Geschichten von Frau Lorentzen, die dem jungen Ich-Erzähler ihr ganzes Leben durch die Tür einer Toilette anvertraut. Die hochkomische Nacherzählung einer festlichen Zugfahrt, anlässlich der Feierlichkeiten zu 700 Jahren Eidgenossenschaft und mit buchstäblichem Nothalt, sorgte für große Heiterkeit im vollbesetzten Saal.

Jede Fröhlichkeit entfernte sich rasch mit der abschließenden Frage des Moderators, nach der Zukunft des „sich einmischenden Schriftstellers“, Isfort stellte in diesem Zusammenhang Grass, Böll und Walser voran. An eine Fortsetzung der Tradition der großen Einmischer glaubte Dirk Kurbjuweit nicht, die in Teil-Öffentlichkeiten zerfallene Gesellschaft, sei zu zerfasert um noch gesammelt von zentralen Stimmen erreicht zu werden. Ganz allgemein bedauerte Kurbjuweit sein Gefühl, langsam ein Dinosaurier zu sein, „Zeuge der Endphase des Buches“ zu werden. Er werde das Gefühl nicht los, es breche eine Überlieferung ab. Diesen Pessimismus wollte Thomas Hürlimann nicht teilen. Im ausverkauften Saal des Literaturhauses signierte man im Anschluss dann gemeinsam reichlich: Bücher.

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