Hinabgeschwurbelt in das Reich des Todes: Urs Widmer und Arnold Stadler

Widmer, Schütte, Stadler. Foto: J. Krohn

Hinabgestiegen in das Reich des Todes: Urs Widmer, Stefanie Schütte, Arnold Stadler. Foto: J. Krohn

Gespalten zeigte sich das Publikum von der Leistung, die Urs Widmer, Arnold Stadler und Moderatorin Stefanie Schütte gestern Abend im prallgefüllten großen Saal des Literaturhauses ablieferten. Schütte, die als Modejournalistin an eine intellektuelle Julia Roberts erinnerte, hatte sichtlich Mühe, die literarischen Schwergewichte zu ihren Seiten im Gleichgewicht zu halten und dazu zu bewegen, sich auch miteinander und mit dem gestellten Thema zu beschäftigen – dem „Tod und den Toten“ nämlich, wie das Programmheft verlockte.

Stadler eröffnete den Abend mit der Lesung des journalistisch-literarischen Textes „Wenn wir brennen“, in dem Stadler einen Rundgang durch die Grazer ‚Feuerhalle‘ (ein Krematorium) mit biblischem Raunen grundiert, durchbrochen immer wieder von schwarzhumorigen Spitzen: „Ich will nun keinen Kamin mehr.“

Arnold Stadler: Es muss gestorben sein. Foto: J. Krohn

Im Anblick des brennenden Krematoriumsofens, so der Text schließlich, wird der Tod als das offenbar, was er ist: ein nicht aufzulösende Geheimnis. Als Gewährsmann seines heiter-düsteren Mementos zitierte der Autor den katholischen Barockprediger Abraham a Sancta Clara (der wie Stadler und Martin Heidegger aus dem oberschwäbischen Meßkirch stammt) und dessen beinernen Ausspruch „Es muss gestorben sein“.
Stadler – der um seine Worte immer wieder ringen musste, Pausen einlegte, um unvermittelt an anderer Stelle anzuknüpfen – wollte die Tätigkeit des Schriftstellers, der Ordnung in der Kontingenz schafft und Bezüge herstellt, als Versuch verstanden wissen, sich dem Tod zu stellen, vor dem jede Systematik scheitern muss.

Auf der anderen Seite des Podiums identifizierte ein quicklebendiger Urs Widmer den schriftstellerischen Antrieb, wie bereits in der Klartext-Debatte zuvor, als „Leid und Überschuss“ zugleich. Er bekräftigte seine Ansicht, der Mensch tue alles, um sich der Angst vor dem Tod zu entziehen: Besonders Schriftsteller lebten in dem Aberglauben, sie könnten nicht sterben, solange sie schrieben, schmunzelte der Schweizer.

Dann las Widmer eine Episode aus seinem vorletzten Buch „Herr Adamson“, in der ein Achtjähriger versehentlich ins Zwischenreich der Toten rutscht, wo er einen gespenstischen Unterweltflug erlebt, der am besten als eine Mischung aus Dantes „Inferno“, dem Orpheus-Mythos und „Jim Knopf und die wilde 13“ (so zumindest Blogkollege Stevan) beschrieben werden kann.
Widmer anekdotisches Talent und seine Fähigkeit, wie ein wahnsinniger Märchenonkel vorzutragen, waren eindeutige Höhepunkte des Abends, während die beiden Autoren im anschließenden Gespräch sichtlich Schwierigkeiten hatten, an einem gemeinsamen Redestrang zu ziehen, und die Veranstaltung in höheren Gemeinplätzen über das letzte Stündchen versandete.

Wahnsinniger Märchenonkel: Urs Widmer. Foto: J. Krohn

Nur ganz zum Schluss ging noch einmal ein Lachen durch die Reihen, als Widmer auf die Frage, was er vom Freitod halte, kopfschüttelnd entgegnete: „Dazu kann ich nichts sagen. Ich habe noch nie Selbstmord begangen.“

Ein Gedanke zu “Hinabgeschwurbelt in das Reich des Todes: Urs Widmer und Arnold Stadler

  1. … Das sehe ich bedeutend anders. Ich fand den Abend großartig, sehr gelungen in jeglicher Hinsicht. Was beide Autoren vorgetragen, was sie gesagt haben. Stadlers “Wenn wir brennen”- fantastisch, auch die kurzen Ausschnitte aus dem neuen Buch, und gensauso der “Herr Adamson”. Und all das dazwischen und davor.

    Äußerst angenehm, die Art und Weise wie “diskutiert” wurde, denn Will/Plasberg/Lovenberg/Dorn und vergleichbare fotogene Formate gibt es genug.
    Autoren, die bei vermeintlich “stringenten” Diskussionen, gar ohnmächtig werden, ob des Dunstes ihrer eigenen Genialität und Wortgewandtheit, ebenso.

    Vielmehr haben gestern die einzelnen Aussprüche gezählt, in den Raum geworfene Sätze, Worte, die hängen blieben. Was nebenbei erwähnt, nicht nur ich so empfinde, sondern der Tenor im Oskar Maria war. Denn dort wurde genau über und durch diese Sätze diskutiert. Über den Tod, die Toten, den Wauwau, Orpheus und so weiter.
    Und letztlich ist und bleibt der Tod und die Toten, so ja auch Stadler und Widmer , ein Geheimnis. Von “versandet” kann also ganz und gar keine Rede sein.

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