Klartext (15.11): Fritz Eckenga

Guten Tag. Ruhe bitte. Ich hab’ nur fünf Minuten Zeit. Also, etwas mehr als für Bachelor. Zuhörn! Nicht dazwischenquatschen! Morgen früh ab fünf Uhr wird zurück … pardon: Abgefragt. Thema: Gegenwartsliteratur.

Na gut.

Das hier mal eben vorweg:

§ 1

Dichtung ist Verpflichtung zur Verdichtung.
Wenn der Dichter platt palavert,
wenn er wortgewaltig wabert,
Locken auf die Glatze labert,
wenn der Dichter bläht und dehnt,
riskiert er, dass die Kundschaft gähnt.

Welches Thema nochmal ? Ach ja: Gegenwartsliteratur. Bitte etwas genauer. Deutsch sollse sein. Gut.

Was geht denn gut?  Hab’ recherchiert. Verlage gefragt. Was geht? Sarrazin geht. Geht sehr gut. Isja auch keine Literatur. Isja Sachbuch. Aber geht gut. Geht richtig gut. 500 Kundenrezensionen. 110 mal „Gesichtsbuch gefällt mir“. Geht richtig richtig gut. Obwohl: 464 Seiten. Das schnarcht mich an. Ich fasse zusammen:

Huch nanu, du dickes Ei
Ramadan ist grad vorbei
Jetzt kommt schon bald der Weihnachtsmann
Und ich hab’ noch mein Kopftuch an

Natürlich. Man muss doch auch mal lachen können, ne? Ja sicher: Lachen befreit. Aber nicht so lange! Bachelor!

Zurück zum Thema: Gefangenenliteratur. Quatsch: Gegenwartsliteratur. Erfolgreicher deutscher Autor, der nächste. Geht auch gut, sehr sehr gut. Benedict Ratzinger: Jesus von Nazareth – Die Biographie. (Nein, nicht lachen! Lesen!) Ja klar, noch ’n Sachbuch. Aber spannend. Page turner. Spannend bis zum Schluss. Keine Angst: Ich verrat’ das Ende nicht. Viel besser als Sarrazin, weil 100 Seiten weniger. Und authentischer. Viel authentischer. Ja sicher. Sarrazin kennt Mohammed nur von Bildern. Ratzinger kannte Jesus noch persönlich. Und er hat ihm auch sehr viel beigebracht. Moooment. Da sind sich alle Experten einig. Von Erfolgsautor Kai Diekmann „Ich hatte Sex mit Helmut Kohl“ bis Erfolgsautor Matthias Matussek „Das katholische Abenteuer“. Alle sind sich einig: Ohne Ratzinger hätte Jesus wohl niemals diesen Welterfolg gehabt.

Verfluchte Hacke! Jetzt aber mal Thema hier! Literatur! Wir sind hier schließlich in der Uni. Na gut, nur Bachelor. Aber immerhin. Bisschen deutsches Fölletong gefällig?

Kann deutsche Gegenwarts-Literatur unterhaltsam sein? Oder zu deutsch: Denkt hier vielleicht mal einer ans Publikum? Dazu Gerhard W. Bunkel am 18. Februar in der FAZ: „So etwas haben wir gar nicht notwendig.“ Gelooogen gelooogen. War gar nicht aus der FAZ, war aus dem Publikum. Die Person ist dem Vortragenden bekannt. Der Name wurde geändert, die Person vorübergehend erschossen.

Jetzt aber mal ernsthaft. Nur noch 2 Minuten, dann ist der Ofen aus. Apropos ZEIT.

Durs Grünbein, in der ZEIT. Ich hab’s gelesen. Zum Tod von Michael Jackson. Soll noch mal einer sagen, hier würde aber sowas von volle Möhre am Leben vorbeigedichtet. Nix da! Blockbuster-Auftrags-Lyrik. Grünbein in Die ZEIT am 2. September 2009. In einer kleinen Gastrolle: Heinrich Heine. Der schäbbige Rest ist von mir.

Himmel, Arsch und Wolkenzwirn!
Leistenbruch und Sackzement!
Kitt im Kopp und Harz im Hirn!
Gott, was bin ich schreibgehemmt!

Morgen steh’ ich vor Gedicht.
Oben Richter, unten ich.
„hemmt / zement“? Ich glaub’s ja nicht.
Den Prozess verliere ich.

Krutzdietürken! So ein Mist!
Zweimal „ich“, Karriere tot!
Reim identisch, Dichter frisst
lebenslänglich trocken Brot.

Grün- und Beinbruch, ach verdammt,
leck mich, dumme Schreibblockade.
Wenn es vorn und hinten klammt,
gibt’s halt Durs und nicht Ballade.

An mir hängt das Bunzverdienzdings
mit nem Stern am Bammsel dran.
iPhone rechts und Bleistift links,
denn das Fölletong ruft an.

Michael Jackson tot? Nanu.
Ob bei mir Gedanken keimen?
Nö, dochdoch, ich schreib was zu,
Hauptsache, ich muss nicht reimen.

„Sueton wäre entzückt gewesen, Tacitus düster.
Fatale Zeitgenossenschaft: mit diesem einen
Gehn Jahrzehnte der eigenen Pantomime dahin.
Arme Frau in der Via Condotti. Sie tut mir leid.“*

Römisch transpirierte Zeilen,
abgeliefert wie bestellt.
Dreiundranzig Langeweilen,
lyrum larum ZEIT ist Geld.

Pöt-Professor werd ich werden,
wie der Durs in Düsseldumm.
In Pariser Friedhofserden
dreht sich Heinrich Heine um.

Gibt zwei Reime hoch nach oben,
mir, der nun sein Reich verwest.
Leichengiftgetränktes Loben
neuer deutscher Dichtkunst, lest:

„Sie haben des Redners Haupt geschmückt
Mit einem Eichenkranze.
Er dankte stumm, und hochbeglückt
Wedelt’ er mit dem Schwanze.“**

Ich reichte ihm das Stück hinab:
Sorry, war nur schreibblockiert.
Fühlte mich kurz schwach und schlapp,
hab’ mich wegimaginiert.

Kommt nicht wieder vor, Herr Heine,
Durs muss selber Grünbein bleim,
Ambitionen? Weiter keine,
außer einem reinem Reim.

Zeit ist um. Danke sehr.

*Aus: Durs Grünbein: „Sphinx des Pop“, ZEIT 02.07.09
** Aus: Heinrich Heine: „Die Wahlesel“, H.H., Sämtl. Werke, Winkler

Fritz Eckenga ist viel unterwegs. Wenn nicht, bewohnt er einen blickdichten Teil der Stadt Dortmund. Dort bemüht er sich, das aggressive Wachstum seines Liebstöckelbusches zu begrenzen. Ausgleich zu dieser harten körperlichen Arbeit findet er abwechselnd in seinen Kochtöpfen und auf der Westtribüne des Westfalenstadions.

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