Klartext (18.11): Simon Urban

Eine kurze Überlegung zum Hunger auf Literatur

Neulich fiel mir bei einer Freundin in Mannheim ein Ratgeber zum Thema „Kreatives Schreiben“ in die Hände. Ich blätterte ein wenig darin herum und blieb an folgender Stelle hängen:

Die Amerikaner sind, was ihre Literatur angeht, deutlich weniger an syntaktischen Sektionen [...] interessiert als an lustvoller, vergnüglicher Lektüre. Ihre Einstellung ist pragmatischer, erfolgsorientierter und vor allem weniger glaubenseifrig. [...] eine voreilige Zuordnung wie Genre = U = nicht seriös = trivial versus Sprachexperiment = E = „wahre“ Literatur fiele nur wenigen ein.“

Da war es wieder: dieses alte Klischee, dass Bücher hierzulande schnell der so genannten Unterhaltungsliteratur zugewiesen werden, wenn sie es wagen, sich einer Gattung zu nähern –  dieses alte Klischee, von dem ich immer schon das Gefühl hatte, dass es einen sehr großen wahren Kern hat.

Jetzt gebe ich lieber gleich am Anfang dieses kurzen Textes zu: ich bin kein Profi was die deutsche Debatte um E und U angeht. Ich bin aber seit jeher ein Leser von Friedrich Dürrenmatt und ein großer Freund des Schlüsselsatzes seiner Poetologie, dass er „Kunst dort tut, wo sie niemand vermute“. Denn diese nicht ganz taufrische Äußerung hat für mich höchstpersönlich unverminderte Gültigkeit, wenn es um das geht, was ich gerne lese, und – Sie werden es sich gedacht haben – auch für das, was ich versuche, zu schreiben.  Und deshalb befriedigt mich die Antwort, dass Autoren mit literarischem Anspruch an ein Genre es in Amerika angeblich besser haben, nicht ganz. Denn die eigentliche Crux hinter der Diskussion stellt ja die ewige Kunstfrage dar: ist ein Roman der Kriminal- oder beispielsweise auch Science-Fiction-Literatur weniger kunstvoll, weil er Zugeständnisse an eine auf Unterhaltung ausgerichtete Gattung machen muss? Weil er etwas nicht authentisches, nicht zeitgeistiges, nicht exemplarisches erzählt? Weil die Autoren dieser Texte im Zweifel erfunden und nicht erlebt haben? Aber was, wenn jemand, wie zum Beispiel Dürrenmatt es getan hat, diese Gattung nur nutzt, wenn er mit ihren Gesetzen bricht, um, wie bereits gesagt, Kunst dort zu tun, wo sie niemand vermutet? Ist es dann nicht längst an der Zeit, Kunst auch dort zu finden, wo sie niemand vermutet? Ich vermute: ja.

Und ich vermute ebenfalls: ernste Literatur darf hierzulande nur sehr begrenzt Spaß machen. Ob dieser Spaß in der Spannung eines Kriminalfalls, in der drastischen Komik einer handfesten Satire oder in der Faszination einer fremden Welt liegt (die bei genauerem Hinsehen ja doch oft genug unsere eigene Welt ist) – alles, was den harten Boden der ostentativen Bedeutsamkeit, des seriös sezierenden deutschen Dramas und der dafür gerade noch adäquaten, homöopathischen Dosis feinsinnigen Humors verlässt, alles, was knallt und kracht und kalauert, oder sagen wir es doch wie es ist: alles, was richtig auf die Kacke haut, verschwindet automatisch vom literarischen Radar der meisten Kunstrichter. Das kommt mir mitunter vor, als befänden wir uns in einer fortwährenden literarischen Lebertran-Epoche, geprägt durch den anachronistischen Glauben daran, dass einem etwas, das gut schmeckt und das beim Schlucken kein kleinstes Opfer verlangt, nicht wirklich helfen kann. Das mitunter Bittere dagegen birgt offenbar Erleuchtungsgarantie durch ein Quantum Sperrigkeit: Nur, wenn der Leser Durchhaltevermögen beweist, winkt ihm der kontemplative Kunstmoment. Kein Wunder, schließlich verlangt das Klischee vom Künstler gleich zahlreiche entsagungsreiche Jahre, in denen man sich gefälligst zur poetischen Perfektion hochzuhungern hat – da ist es nur gerecht, wenn die Rezipienten nicht alles vorgekaut bekommen, sondern selbst mit Hirn anlegen müssen.

Hochliteratur ist Arbeit, könnte man sagen, und zwar für alle Beteiligten. Und je schwerer verdaulich, je komplizierter in der Handhabung sie daherkommt, desto eher wird sie bei uns offenbar zur Delikatesse erklärt. Ich persönlich esse gerne Delikatessen. Aber nicht nur. Irgendwann wird einem das ewige Hummer pulen und Wachteleier pellen und Fledermäuse melken ja auch zu mühsam. Und man hat Hunger auf einen Cheeseburger. Aber auf einen richtig guten: mit Kobe-Rind-Pattie, Büffel-Mozzarella, Ibérico-Bacon und Trüffelmayonnaise. Solche Cheeseburger sind für mich zum Bespiel die Romane von Autoren wie Philip Roth und Michael Chabon, die für ihre wunderbare Verbindung von bester Genießbarkeit und erlesenen Zutaten unter anderem mit dem National Book Award und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurden. Chabon und Roth machen Literatur, weil sie sprachästhetische sowie erzählerische Meister sind. Und sie machen Unterhaltung, weil sie dabei konsequent auf spannende, packende, Stoffe voller Sex (Roth) und Witz (Chabon) setzen. Und jetzt frage ich zum Schluss, weil ich es wirklich nicht weiß: Mag die Mehrzahl der deutschen Literaturkenner wirklich keine Cheeseburger mit Kobe-Rind? Oder könnte es auch sein, dass es hierzulande leider nur die von Mc Donalds gibt?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe jetzt Hunger.

Simon Urban, geboren 1975 in Hagen, Germanistikstudium in Münster, Ausbildung an der Texterschmiede Hamburg, Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2003 Erker-Preis, 2005 Literaturförderpreis Ruhrgebiet, 2006 Limburg-Preis der Stadt Bad Dürkheim. 2009 gewann er bei den Clio-Awards, einem der wichtigsten Kreativpreise der Welt, den Grand Prix und Gold für die erste literarische Live-Werbepause. Simon Urban lebt in Hamburg und Techau (Ost-Holstein).

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