Dirk von Petersdorff zu Gast am Schyren-Gymnasium Pfaffenhofen

Am 14. November 2011 war der Lyriker und Literaturwissenschaftler Dirk von Petersdorff im Rahmen des „Backstage“-Programms des forum:autoren am Schyren-Gymnasium Pfaffenhofen zu Gast, wo er einen Lyrik-Workshop betreute.
An der Schule haben Dichterlesungen schon seit Ende der siebziger Jahren eine feste Tradition, bereits seit 1987 werden am Schyren-Gymnasium jährlich Dichterlesungen abgehalten. Der jeweilige Autor und dessen Werk finden dabei schon im Vorfeld Berücksichtigung im Unterricht: eine Tatsache, die man als eine kleine Rarität bezeichnen darf. Von Martin Walser über Herta Müller, Sarah Kirsch und Walter Jens bis zu Ulla Hahn waren in den letzten dreißig Jahren viele berühmte Lyriker in Pfaffenhofen zu Besuch.

•••

Roland Scheerer, der den Vormittag betreute und moderierte, war so freundlich, uns einige Zeilen  dazu zu überlassen:

“Eine große Sache am Schyren-Gymnasium, das dieses Jahr am Literaturfest teilnehmen darf. Wir stehen vor der Frage: Was machen wir daraus? Große Lesung mit Aula-”Vollbestuhlung” (allein das Wort!) und Anwesenheitspflicht für die Oberstufe? Nun, man kennt das. Wir sind skeptisch, wollen etwas anderes probieren: Lyrik-Workshop im überschaubaren Kreis.
Unser Ehrengast ist Dirk von Petersdorff, er ist so nett, uns vorab ein paar Schreibaufgaben zu stellen. Irgendetwas ist an der Sache, das die zwanzig Jugendlichen berührt haben muss, irgendwo. Bei ihren Gedichten bleibt mir die Sprache weg. Der Verfasser dieser Zeilen bekennt, noch nach mehreren Semestern Germanistikstudium zusammen mit anderen weit Unreiferes in die Welt gesetzt zu haben; nun, das allein will nichts heißen, aber es dient zur Illustration: Diese Schüler, die im Allgemeinen zum ersten Mal lyrische Verse schreiben, kommen so reif daher, dass es einem unheimlich wird. Kein Fantasy-Kitsch, kein Adjektivsumpf, kein falsches Frühneuhochdeutsch, kaum Selbstinterpretation. Ich will unbedingt sagen: Meine Schüler. Das ist jetzt die Generation G8. Ernster, leistungsfähiger.
Am Montag steigen von Petersdorff und Katrin Lange im Nebel aus dem Zug. Der Verfasser ist nicht da, er ist erst einmal im Krankenhaus, weil er sich am Morgen vor Aufregung beim Kuchenschneiden fast den Daumen amputiert hätte. Hätte der Workshop doch eine Woche dauern können statt drei Stunden! Wir klären Grundsätzliches, besprechen dann exemplarisch einige der Schülertexte. Von Petersdorff nimmt eine Mandarine, liest Eigenes. Manche Teilnehmer wünschen sich eine Echtzeit-Schreibübung, dafür reichte die Zeit nicht. Das Ganze läuft so rund, dass es fast unheimlich ist. Das ist halt jetzt die Generation G8. Von Petersdorff erreicht die jungen Leute ganz unmittelbar, weit davon entfernt, sich den Hochschullehrer heraushängen zu lassen. Am Ende des Vormittags hat man das Gefühl, dass da ein Gespräch gerade erst begonnen hat.
Zwei junge Lyrikerinnen seien erwähnt; gerade sie sind nun freilich keine Anfängerinnen: Marleen Mitschek, die auch die kompliziertesten Strophenformen mit so viel Leben und Sinnlichkeit füllt, dass man staunt wie ein Kind, und Christina Widmann mit ihren wunderbar spröden, philosophischen Versen. Ich hoffe, man wird von den beiden noch hören.
Ich sagte den Schülern, dass ich stolz auf sie bin. Sie wollen drüber nachdenken, eine Anthologie zu machen. Wenn etwas daraus wird, müssen wir von Petersdorff bitten, dass er das Vorwort schreibt. Er soll wiederkommen.”

•••

In diesem Jahr hatten die Schülerinnen und Schüler schon im Vorfeld beeindruckende eigene Arbeiten erstellt; Aufgabe war, ein liedhaftes Liedergedicht á la Heine zu verfassen. Wir möchten drei Gedichte und an dieser Stelle präsentieren und beglückwünschen alle Schülerinnen und Schüler zu ihrer fantastischen Arbeit:

Marleen Mitschek
Fruchtfleisch

Du hast mein Lachen abgeschnitten
und eingedickt. Du hast mein Lachen
geschält, entkernt und zu den Quitten
gestellt, den Him- und Erdbeern. Machen

dir meine Tränen das Gelee
kaputt? Ich weiß, dass Kirschen besser
und Trauben süßer sind. Mein Weh
entschlüpft halt ständig deinem Messer.

Doch dafür ist die Konfitüre weich
und fruchtig und so herrlich rot.
Ich hab so Hunger. Doch ich streich
dir erst dein Marmeladenbrot.

Andreas Heib
Ode an die Liebe zweier Herren

Der “Heinen” zwei und “Rich” dazu,
So spricht sich lieblich Name dein,
Tagtäglich schau ich dir nun zu
Beim Schreiben über Deutschlands Schnein’.

Dass ich mit dir, wer hätte nur,
Geglaubet dies vor einem Jahr,
Als ich mit meiner Kutsche fuhr
Und mir nach Zweisamkeiten war.

Mein Leben schenk ich dir mein Mann
der Träume, wie der Prinz von Thul’,
Du zauberst mich in deinen Bann,
Oh gottseidank bist du doch schwul!

Simona Brummer

Nach einer kurzen Einschwingphase
dreht er sich ewig auf seiner Spitze.
In der Glocke ohne Gase
auf einem Boden ohne Ritze.

Doch wie in der saubren Theorie
mit diesem schönen Modell
ists in der Praxis leider nie.
Die Reibung kommt recht schnell.

Und so verläuft sich jeder Schwung.
Der Kreisel verliert sein Gleichgewicht.
Gefährlich wird nur seine Neigung.
Der Kreisel fällt auf sein Gesicht.

Gina Fehringer
Rauch

Ein dunkler Abend, draußen alles nass
Drinnen wechseln die Lichter
Ständig die Farbe mit dem Bass
Und überall feiernde Gesichter

Das Flüssige fließt an diesem Ort
Da dreh ich mich um
Und seh sie, die Liebe, ohne ein Wort
Doch da war sie schon rum

Um die Ecke und dahin
War sie, für immer
Die Frage, ,,was wäre wenn..?“
- ständig das gleiche Gewimmer

Christina Widmann
Karhu ja Naarassusi

“Verstehst du mich, so wie ich bin?
Kannst du in meine Seele sehen?”
“Wirfst du die Perlen achtlos hin
Oder wirst du den Steinweg gehen?”

“Erträgst du auch die Einsamkeit
Im Wald, wo Wort und Pflicht nicht zählt?”
“Vertraust du mir, nach so kurzer Zeit?
Dann nimm mich mit in deine Welt.”

Wir haben beide nicht gesucht,
Und haben uns. Und nur wir beiden,
Wir werden über unsre Flucht
Zusammen ganz allein entscheiden.

Sophie Ramm
Sibirische Krabatkrähen und purpurne Plastiktüten

Sibirische Krabatkrähen in funkelndem Federkleid
An einem verhangenen Tatortnovembertag
Sitzen auf Eisengittern am Kanal
Und starren auf das Muster der Betonwände

Ein Jägerstand,
versteckt am Wegesrand,
ein Rascheln im Gehölz,
von Sonnenstrahlen umwoben.
Die Bäume schlafen.

Ächzende Güterwaggons,
werden umgeladen,
pinke, blaue, graue, schwarze
Altglascontainer,
schmücken den Straßenrand.

Babylonischer Schornstein
Ragt in hohe Sphären,
schmutzigen Rauch
empor spuckend.

Wege winden sich
Wie Wellen um sanfte Hügel.
Eine laue Brise pustet purpurne Plastiktüten
in türkise Gewässer.
Getragen, in Ästen verheddert.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


neun − 3 =

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>