Nachlese: Kindheitszauber, Kindheitsfluch – Keto von Waberer und Angelika Klüssendorf

Klüssendorf, von Waberer
Angelika Klüssendorf, Keto von Waberer, Foto: Juliana Krohn

Die zwei großen Schriftstellerinnen vorn auf der Bühne, hatten sich und ihre aktuellen Bücher erst durch die Einladung aufs gemeinsame Podium kennen gelernt, zusammen mit Moderator und Deutschlandfunk Literatur-Chefredakteur Hajo Steinert staunte man über die vielen, verbindenden Parallelen: beide haben zuletzt Kindheitsbücher vorgelegt, Erinnerungen die ins Erwachsensein führen, in die Künstlerwerdung. Kindheit, erklärte Angelika Klüssendorf, sei bestimmend für das ganze Leben, ende erst: „wenn wir ins Gras beißen“.

von Waberer II
Keto von Waberer, Foto: Juliana Krohn

Beide Bücher sind in Teilen durchaus autobiographischer Prägung, beide Schriftstellerinnen haben für ihre literarischen Rückblicke das Präsens gewählt, die erzählten Kindheiten selbst, könnten unterschiedlicher nicht sein. Mit ihrem Buch „Seltsame Vögel fliegen vorbei“ gelingt Keto von Waberer eine so üppige wie konzentrierte Beschreibung einer vermeintlich behüteten Jugend zwischen Büchern, Gänsebraten und Naturerleben, in den 50er und 60er Jahren. Ein magisch-poetischer Kosmos, oft märchenhaft und aus Kinderaugen gesehen, allein: es fehlt an Zuneigung. Manchmal, so Keto von Waberer, habe sie das Gefühl gehabt, unsichtbar zu sein. Der Weg des Kindes führte in die Welt der Bücher.

Klüssendorf
Angelika Klüssendorf, Foto: Juliana Krohn

Auch bei Angelika Klüssendorf sind es Bücher die Trösten und Stärken. Grimms Märchen und Brehms Tierleben sind Strohhalme, die zu Bäumen werden. Ihr Buch „Das Mädchen“ ist die Erzählung einer Selbstbefreiung aus einer Kindheit die von Gewalt und Suff überschattet wird, einer Kindheit an deren Ende sich märchenhaft eine Zukunft andeutet. Eine Zukunft, die im zweiten Band einer geplanten Triologie weitergesponnen wird, an der Angelika Klüssendorf aktuell arbeitet.

Leben, erklärte Klüssendorf, sei gegeben, eine Zensur der Erinnerung habe sie sich nicht auferlegt, sie habe sich für ihr Buch des erfahrungsreichen Archivs ihrer Kindheit und Jugend bedient und fiktional ergänzt. Die Balance zwischen figürlicher Distanz und Nähe, gelang durch die Wahl der Perspektive. Keto von Waberer hatte da so ihrer Schwierigkeiten, nach dem Buch „Schwester“ von 2002, habe sie sich geschworen, niemals mehr in der (eigenen) Kindheit zu stochern, doch der Stoff kam zu ihr zurück und sie erinnerte sich der Worte ihrer Lektorin bei Kiepenheuer und Witsch, Renate Matthaei: Das was Du am unangenehmsten empfindest, davon musst Du schreiben.

Die Bücher, so Hajo Steinert am Ende des Abends, korrespondierten, ja „flüsterten“ miteinander, das habe er in dieser Intensität noch nicht erlebt, verriet er und auch die Besucher der Veranstaltung ahnten es längst: es gilt wohl beiden Schriftstellerinnen zurück in die Kindheit zu folgen.

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