Der fünfte Klartext: Zaimoglu wow, Thesen mow

Foto: J. Krohn

Die fünfte, etwas schmaler besetzte Klartext-Debatte am gestrigen Donnerstag krankte daran, dass die Teilnehmer, allesamt langjährige player des Literaturbetriebs, sich eher von der Unbill des Marktes bedrängen ließen als neue Lösungsansätze zu entwickeln. Einzig Feridun Zaimoglu glänzte mit einem scharfen Bekenntnis für die deutsche Sprache und wider ‚läppisches Einfühlungsgebrabbel‘.

Feuilletonist Volker Isfort durfte die Diskussion mit „vier unzusammenhängenden Betrachtungen“ eröffnen, die einerseits darauf abzielten, dass ein gutes Buch ein Einzelwerk und damit unabhängig vom kulturell-nationalen Hintergrund des Autors sei, andererseits aber auch die Rolle der deutschsprachigen Literatur im Ausland problematisierten: Die deutsche Literaturlandschaft sei (auch durch das verzweigte Stipendiensystem) zu selbstgenügsam und bleibe zu sehr in den eigenen Belangen verfangen; kurz: Man denke nicht international genug.
Im Anschluss trug der Schriftsteller Georg M. Oswald sein verschmitztes Haiku zur deutschen Gegenwartsliteratur vor:

Ein Roman erscheint.
Alle Welt spricht davon.
Schon ist er wieder weg.

Glücklicherweise gelang es Oswald auf diese Weise, die wiederkehrenden kultur‑ und gegenwartskritischen Argumente, die in den vergangenen Tagen zu hören waren, zu ironisieren: Er als Autor, so Oswald, sei ohnehin fast ausschließlich an der Arbeit am nächsten Buch interessiert – auch dieser Rückzug auf neutralen Beobachterposten war in den Runden zuvor bereits gefordert worden.

Feridun Zaimoglu unterstützte Isfort, indem er dem Feuilleton vorwarf, erzählerisches Unvermögen mit Talent zu verwechseln; die bürgerliche Lesekultur goutiere nur Literatur mit einem „hohen Lappigkeitsgrad“, so der Autor. Journalistin Stefanie Schütte äußerte den Verdacht, deutsche Autoren seien sich schlicht „zu fein“, um auf aktuelle Themen Bezug zu nehmen und damit Relevanz zu schaffen.

Maike Albath, Georg M. Oswald. Foto: J. Krohn

Klug rückte daraufhin die Literaturkritikerin Maike Albath (mit Bezug auf Umberto Eco) die Dimensionen zurecht: Literatur sei nur ein geringer Teil der menschlichen Gesellschaft und Lebenswelt, kanonische Bezüge hätten sich aufgelöst und Interessen diversifiziert; allesamt Entwicklungen, denen auch der Literaturbetrieb und die Literaturschaffenden Rechnung tragen müssten. Albath sah die anderen Kunstformen – Kunst, Film und Musik – inzwischen an der Literatur vorbeiziehen, was Innovation und gesellschaftliche Bedeutung betreffe. Oswald stimmte zwar zu, dass die Relevanz der Literatur immer gegen Null tendiert habe, die durchgängige Alphabetisierung und das Leserverhalten aber so positiv zu bewerten seien wie noch nie.

Kurator Matthias Politycki schaltete sich ein, um ein „Gemeinschaftsdefizit“ der deutschsprachigen Schriftsteller anzumahnen, die einer „Privatisierung“ erlägen, statt sich auch Gedanken um ihre Gesamtwahrnehmung als Kulturraum zu machen. Oswald forderte, dass dazu zunächst – über poetologische Debatten wie die stattfindende – verbindliche Begriffsarbeit geleistet werden müsse.

Der Schriftsteller Thomas Lang nutzte die Gelegenheit, um die zuvor gescholtenen Bücher der ‚Innerlichkeit‘ (ein Reizwort, das merkwürdig unbestimmt blieb) gegen Zaimoglu in Schutz zu nehmen. Lang sprach sich für einen puristischen Literaturbegriff aus, der vor allem die individuelle Erfahrung beinhalte, die der jeweilige Leser mit einem bestimmten Buch mache. Ziel sei es, so der Autor in seinem späteren Statement, Literatur „so unbefangen wie möglich“ zu begegnen.

Tobias Döring von der Münchner Anglistik, von Politycki scherzhaft als „Ehren-Germanist“ geführt, schrieb unisono gerade den wenig handlungsbetonten Formen von Literatur die Fähigkeit zu, Leerstellen der menschlichen Welterfahrung zu erforschen und zu beschreiben.

Dann wandte sich die Runde – wie jede Runde vor ihr – wieder dem (beklagenswerten) Zustand des Kulturbetriebs zu: Das Feuilleton sei zum „Küchenstudio“ verkommen, so Maike Albath; Zeitungskritiken hätten ohnehin keinen messbaren Einfluss auf die Verkäufe, behandelten sie nicht gerade Roche oder Hegemann, so Volker Isfort; Kritiken in Regionalzeitungen dagegen funktionierten, berichtete überraschend Zaimoglu.

Thomas Lang, Feridun Zaimoglu, Stefanie Schütte. Foto: J. Krohn

Der deutschtürkische Autor, der schnell zum Publikumsliebling avancierte, durfte auch das dritte Statement verlesen: eine bildsatt formulierte, perfekt vorgetragene Epistel gegen die Lebens‑ und Erfahrungsarmut in der Gegenwartsliteratur, die „Realismus mit Realität“ verwechsle und in „Studentengebrabbel“ versande, wo „barocke Sprachherrlichkeit“ walten, des „Volkes Polyphonie“ wieder erklingen und überhaupt „Macht und Pracht“ Einzug halten müssten.

Thomas Lang dagegen nutzte sein Statement für eine sanfte Dekonstruktion des Diskurses, indem er die Termini ‚Gegenwart‘ und ‚Literatur‘ als handhabbare Begriffe befragte und (wie zuvor Isfort) Nationalgrenzen bzw. ‑diskurse für überflüssig erklärte, schließlich behandle Literatur einzig „das Menschliche“, das an keine Kulturräume gebunden sei. Zaimoglu und Lang zeigten sich aber insofern einig, als sie beide an die Erfindungs‑, Erfahrungs‑ und Innovationskraft des Schreibens glaubten (dito Maike Albath in ihrem Statement).

Das sagt der Chronist: Alles in allen eine ausgewogene Runde, der allerdings ein wenig das Feuer und der Mut, nach vorne zu blicken statt zurück, mangelte.

Ein Gedanke zu “Der fünfte Klartext: Zaimoglu wow, Thesen mow

  1. Die Debatte ist nicht neu, was zu bemerken ebenfalls nicht neu ist. Der Roman zehrt von den alten und noch hochproduktiven Granden (Walser, Lenz usw.), wird also, wenn die abgetreten sind, seine Bedeutung für Kultur wie Industrie in einem Maß einbüßen, dass es schwer fallen wird, nachzuvollziehen, dass sie uns einen Zugang zur Wirklichkeit verschaffen konnten. Was in solchen Debatten stets fehlt ist 1. der Hinweis, dass es Kulturen auch mal ohne Roman gegeben hat und 2., dass es da noch ganz andere Gattungen gibt – wenn diese nicht schon längst, und zwar von uns unbemerkt, die Lücke füllen: Sachbücher zum Beispiel.
    Zur Debatte:
    http://www.texturen-online.net/2011/08/06/was-das-leben-formt/
    Zur Alternative:
    http://www.immer-schoen-sachlich.de/

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