Gneis-Genies: Raoul Schrott und Jens Sparschuh unterwegs

Jens Sparschuh, Raoul Schrott, Ina Hartwig. Foto: J. Krohn

Einem überreizten Chronisten, der nach acht Tagen Lesungs-und-Diskussions-Marathon kaum noch stillsitzen wollte, geschah gestern doch noch eine Epiphanie: Raoul Schrott und Jens Sparschuh lieferten im Verbund mit einer beeindruckenden Ina Hartwig eine sensationelle two men show ab, die mühelos Sprach-, Landes- und Realitätsgrenzen hinter sich ließ.

Schrott, der als poeta doctus rund um die Welt reist, und Sparschuh, der mit dem „Zimmerspringbrunnen“ zu literarischen Ehren gekommen war, hatten sich unter Hartwigs Ägide zum Thema „Woher wir kommen“ zusammengefunden: eine reizvolle Kombination aus hemingwayschem Lyrikerpathos auf der einen (Schrott) und bescheiden-sympathischem Ost-Logismus auf den anderen Seite (Sparschuh) hatte Kurator Politycki da zusammengestellt.

Klug lenkte die Literaturkritikerin Hartwig ihre Fragen weniger auf die ‚Heimat‘, obwohl die Autoren auch dazu bereitwillig Auskunft gaben, als vielmehr auf die ‚Herkunft‘ der jeweiligen Schreibthemen und ‑antriebe: Autorgenese statt Autogenese gewissermaßen.

Schrott, der es verstand, seine Antworten immer wieder in stimmige Metaphern zu kleiden, beschrieb seine Poetik als diejenige eines Ichs in ‚ständig wechselnden Aggregatszuständen‘, das sich in der Fremde zwar seit jeher zuhause fühle (Schrotts Eltern waren Außenhandelsvertreter und der Sohn früh in Kontakt mit fremden Kulturen), aber das Andere auch als wichtigen Gradmesser zur Selbstbestimmung verwende. Die eigentliche Heimat, so der sympathisch-souveräne Autor, finde er aber – wenig verwunderlich – in den Büchern.

Jens Sparschuh horcht ins Herz Kareliens. Foto: J. Krohn

Sparschuh dagegen war erst als junger Mann in „jugendlichem Zerstörungswahn“, wie er berichtete, in das damalige Leningrad aufgebrochen, wo ihm die „wunderbare anarchistische Freiheit“, die in diesem renitenten Winkel der ehemaligen UdSSR herrschte, wesentliche Impulse mitgegeben habe. Noch heute übersetze er beim Schreiben gelegentlich Sätze ins Russische, um deren Gehalt und Stimmigkeit zu überprüfen, so Sparschuh.

Schrott dagegen breitete vor den Zuhörern seine schriftstellerische éducation sentimentale als ein schrittweises Herantasten an dichterische Größen und deren Werk aus. Nicht nur das Übersetzen habe ihm bei der Dichterwerdung geholfen, so Schrott, sondern auch die persönliche Bekanntschaft mit Dichtergrößen wie Philippe Soupault und die daraus resultierende Einsicht, dass „auch Nobelpreisträger nur Menschen sind“.

Von den ersten, noch selbstverlegten Büchern über die intensive Beschäftigung mit dem Dadaismus und die Durchdringung und schließlich Überwindung des automatischen écriture, wie sie beispielsweise die Wiener Gruppe betrieb, gelangte Schrott schließlich zur kleinsten poetologisch-poetischen Einsicht: einen Augenblick in einem sprachlichen Bild zu fassen, oder, in Schrotts Worten, „dem Realen humane Relevanz abzugewinnen“.

Sparschuh hingegen wurde maßgeblich von der wissenschaftlich-philosophischen Logik beeinflusst, die er intensiv studierte, bis er sich für das Schreiben „als das kleinere Übel“ (im Vergleich zum Nicht-Schreiben) entschied. Gemeinsame Lesereisen mit Sten Nadolny, bei denen die beiden Schriftsteller mitunter – vom Publikum unbemerkt – die Texte des jeweils anderen vortrugen, vertieften seine Überzeugung, dass er als Autor zum „Identitätsforscher“ werden müsse, der sich fremde Rollen anverwandle.

Mit „Jelenas Geheimnis“ las Sparschuh anschließend einen Auszug aus seinem Roman „Schwarze Dame“, in dem der jungen Deutsche Alexander den Plan fasst, mit der geliebten Russin Jelena mitten im Kalten Krieg ins ferne Karelien auszuwandern.

Wie man nicht Kanufahren sollte, stellt Raoul Schrott dar. Foto: J. Krohn

Das wohl größtmögliche Erzählprojekt stellte im Anschluss Raoul Schrott vor, der nicht weniger als die „Geschichte vom Urknall bis zur Gegenwart“ in einem (noch zu schreibenden) Epos zu abzuhandeln gedenkt. Dazu reist der österreichische Autor seit einiger Zeit an die entlegensten Winkel der Erde, um dort wichtige Stationen der Erdgeschichte ‚begreifbar‘ zu machen: und zwar in einem wortwörtlichen Sinn. So las Schrott einen Auszug aus einem Reisejournal, in dem er den Rand von Grönland nach einer besonderen Gneisart absucht, die auf 4,3 Milliarden Jahre datiert wird und damit als das älteste Gestein der Welt gilt. Diese Reise an die Ursprünge, aber auch „zu sich selbst“, will Schrott später noch einmal in anderer Form schriftstellerisch bewältigen: Aber auch so lauschten die Zuschauer gebannt den lebensgefährlichen Strapazen, denen sich Schrott – ein wenig blauäugig, wie er bekannte – ausgesetzt hatte, um den magischen Stein schließlich doch in Händen zu halten.

Der Dichter weitete seine Gedanken ins Transzendente aus und sprach davon, sich mit dem „Anorganischen zu befreunden“, einen emotionalen Bezug dazu aufzubauen, weil man im Tod selbst zu etwas Anorganischem werde. In diesem Sinne sei ihm das schwere, schwarze Gestein, das heute auf seinem Schreibtisch liegt, „Religionsersatz“ und „wichtiger als die Bibel“ gleichermaßen.

Raoul Schrotts dichterischer Antrieb, „In einem Raum gehen, dessen Koordinaten man nicht hat, um dafür Koordinaten zu entwickeln“, wurde von den Zuhörern genauso begeistert beklatscht wie Jens Sparschuhs intellektuelle Erkundungen und Ina Hartwigs kluge Fragen.
Und auch der Chronist sagt: Vielen Dank für diesen späten Raumgewinn.

Ein Gedanke zu “Gneis-Genies: Raoul Schrott und Jens Sparschuh unterwegs

  1. Pingback: Raoul Schrott, Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht – Hanser Verlag | Lino Wirag

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


9 + = sechszehn

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>