Klartext (15.11): Arnold Stadler

1. >Ich bin, was ich bin. Oder ich bin nichts. < John Henry Newman
2.  >Schriftsteller geworden, Chronist des Unglücks, das als Glück gedacht war<
3. Provinz gibt es nicht. Es gibt nur Welt.
4.  Schreiben ist Weiterschreiben.
5. Wir, du (ja, ich meine dich und duze Sie!)  und ich, du und ich, wir zwei, sind eine Geschichte, von der ich nur die eine Hälfte kenne.
6. Die Sprache ist meine erste Fremdsprache.
7. Muttersprache und Fremdsprache fallen zusammen in meinem Mund.
8. Mit dem Wort Mamma machte ich mich auf den Weg.
9. Das Leben ist ein Roadmovie, in dem das Fahren mit dem Sehen und das Leben mit dem Sterben zusammenfällt.
10. Der Tod und ich, wir zwei. (Ein Roman von Arnold Stadler) Tragisch ist, wenn es nicht anders geht.
11.  Wenn es schon keine Menschen fürs Leben gibt, so gibt es doch Sätze.
12. Die Erinnerung ist die zweite Gegenwart. Die Gegenwart ist eine zukünftige Erinnerung.
13.  >>Viele Leut fürchtn sich vor dem Tod wie die Kinder vor dem Wauwau<<
Nur die Schriftsteller noch mehr. So sehr, daß sie schreiben oder nicht.
14. Jeder…. Mensch, ob Mann, Frau, Schriftsteller, oder einfach  Dichter  und  Idiot,   hat eine Verletzung, eine Wunde, aus der es weiterblutet. Erinnerungsweise. Die Erinnerung ist eine Bluterkrankheit. Es fehlt wohl das Gerinnungselement des Vergessens.
15. >Selig der Schriftsteller, dessen Schmerz zur Sprache wurde, beziehungsweise  wird<
Das sollte ein  erster Satz sein.
16. Kommen Sie in hundert Jahren wieder vorbei, dann sehen wir weiter!
17.  Non omnis moriar  — >ich sterbe nicht ganz< dachte, das heißt: schrieb der alte Horaz und glaubte, ewiger als Eisen zu sein.  Was für ein Kinderglaube. Und doch.
18. >Persons attempting to find a plot in it, will be shot< Mark Twain
Ich, menschenrechtsbewusst lebend und von da zuallererst gegen die Todesstrafe, wollte diesen Satz nicht gelten lassen. Und doch:
Der Roman beginnt, wenn der Inhalt erzählt ist. Und das Sprechen und Schreiben über Literatur sollte auch erst nach dem Lesen kommen. Das etwas ganz langsames, stilles und einsames ist.
19. Daraus könnte ein ganzes Buch werden! sagte Tante Mausi immer dann, wenn sie nicht mehr weiterwusste.

20. Ich bin, was ich bin und lebe noch. In einer Zeit, da ganz allmählich, piano piano >sterben< durch >gehen< ersetzt wird in den Todesanzeigen, und der Mensch vom Verbraucher abgelöst und das Wort >Mensch< dem  kritischen PC-Verbraucher zu schwammig ist.
Die Sehnsucht ist von Fit for Fun verfolgt, die Hoffnung vom Spaß, das Verlangen vom Wellness-Bereich, das Leben von >Schöner Wohnen<.
Da lebt nun der Verbraucher mit seinem  ökologischen Windräder-Bewußtsein und seinem  Grünen-Tonnen-Stolz, seinem Geräteschuppen-im-Landhausstil-Ehrgeiz, seinen Tennis- und Fitnessclub-Mitgliedschaften, seiner Ringstraßen-Vehemenz, seinem Gemeinschaftsantennen-Eifer, seinem Verkabelungsdrang und seinen Whirlpoolphantasien, seinen Sperrmüll-Kalenderdaten im Jahr, da der Ikea-Katalog endgültig die Heilige Schrift überrundet hat und überdies das meistgelesene Buch ist und es hunderttausend so viel Fitnessclub-Mitglieder gibt wie wirkliche Leser, Gläubige und Ungläubige.
Aber immer noch gibt der Mensch  seine Suchanzeigen auf, wenn auch oftmals verbraucherfreundlich definiert.
Der zu dieser Gegenwart gehörende  Schriftsteller ist heute ein Experte, der darauf wartet, daß etwas los ist.
Er stellt seine Sachen ins Netz. Gegenwartsliteratur wird über den Rechner in eine Umlaufbahn katapultiert, dahin, wo die Kosmonauten glaubten, im Weltraum unterwegs zu sein,  und landet in einer Geschwindigkeit, die der Verbraucher nicht mehr wahrzunehmen im Stande ist, und der Träumer, der in Schmerzsekunden denkt, auch nicht, auf dem PC.
Doch keiner sagt mehr >ich weiß nicht<. Nur noch ein Idiot wie ich.
Der macht mit Gedichten weiter, zum Beispiel:

Der Tod und ich. Wir zwei
Die Amseln sangen,
als blühten sie
>Und das Heu roch nach der Liebe
des Himmels zur Erde.<

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