Klartext (18.11): Roxanne Phillips

Paradoxien, heute.

Von einem einheitlichen Subjekt haben wir uns schon lange verabschiedet und gerade unsere heutige Zeit führt uns das täglich vor Augen. Wir haben ein Arbeits-Ich und ein Privatleben-Ich, ein Allein-Ich und ein Ubahn-Gesicht-Ich – unser Dasein ist projektförmig geworden. Wir wollen frei und selbstbestimmt sein, aber wissen nicht, was das ist, weil wir von Geburt an von einer gesellschaftlichen, normativen Ordnung definiert werden, die zudem unsere kärgliche Freiheit überhaupt erst ermöglicht. Gespalten zwischen Freiheit und Determiniertheit ist der Mensch mit sich nicht vereinbar; er lebt und handelt als Kontradiktion seiner selbst. So ärgern wir uns über Suchmaschinen, die private Daten erheben, und laden im nächsten Moment ein neues Foto auf Facebook hoch.
Literatur übernimmt diese eigentümliche Spaltung des Menschen, der ihr Subjekt ist, und trägt sie spiegelnd in sich. In jedem Text findet ein Kampf um Autonomie statt, mal mehr und mal weniger explizit. Literatur will Selbstzweck sein, aber drängt darauf, gelesen zu werden und begibt sich damit in ein Abhängigkeitsverhältnis. Ohne ein Gegenüber, der das geschriebene Wort als Selbstzweck erkennt, steht schließlich in Frage, ob dieser Selbstzweck überhaupt existiert. Literatur bedarf somit des Menschen, um ihre eigene Bedeutung, das heißt die ihr eigene Autonomie und Freiheit, zu erlangen. Aber damit begibt sie sich in den Spiegel derer, die sie lesen und die sie schreiben, und verliert sich.
Die kuriose Determiniertheit wird von Mensch als auch von Literatur immer wieder reproduziert, damit wenigstens ein Anhauch von Freiheit spürbar wird. Literatur und Mensch sind Paradoxien, die sich ständig neu kreieren, um ihre je eigene Spaltung zwischen Autonomie und Abhängigkeit zu verwinden.
Der Grundkonflikt des Menschen und der Gesellschaft, in der er lebt, beruht nicht mehr, falls er es jemals tat, auf dem Widerstreit des Guten mit dem Bösen. Das würde etwas Absolutes voraussetzen, das es in uns, die wir so zerrissen sind, nicht gibt. Wir hätten es gerne in schwarz und weiß, aber damit belügen wir uns nur selbst. Literatur, die solche Klarheit abbildet, verkennt letztlich die Komplexität des Menschen und der Gesellschaft insgesamt. Von Literatur eine Überwindung unserer und damit ihrer Spaltung zu verlangen, sie dorthin zu drängen, uns wieder zu einer Einheit zu machen und uns unhintergehbare, moralische Urteile zu geben, mag unseren Wünschen entsprechen, aber spiegelt uns nur eine heile Welt vor, die es so nicht gibt und nie geben wird.
Abgeschlossene Diegesen erwecken den Anschein, dass sie auch in der Realität gefunden werden könnten.
Wir benötigen stattdessen Texte, die nach Ausdrucksmöglichkeiten für die Komplexität und die Spaltung suchen, die ihren Subjekten und ihnen selbst inhärent ist. Jedes Werk geht anders mit seiner Unvereinbarkeit um. Doch die Texte, die uns wirklich faszinieren, sind vielleicht diejenigen, die uns keine Antwort zur Auflösung jenes Paradoxes geben, sondern den Widerspruch erst aufzeigen.
Somit sehne ich mich nach einer Literatur, die jene unsichtbaren Mechanismen, die uns täglich bestimmen und vor denen wir fliehen, sichtbar macht, aber nicht indem sie diese benennt, sondern indem wir dagegen stoßen, wie wir es ständig tun und ständig versuchen zu vergessen. Mir wäre es lieber, das Verständliche, dasjenige, das wir akzeptieren, würde unbegreifbar, als das Unbegreifliche greifbar gemacht.
Ich vermisse eine Form, die keine Form ist, ein Gerüst, das atmen lässt und zerstört werden will.
Hierfür bedarf es einer biegsamen textuellen Struktur, die ihr eigenes Ordnungsparadox ist, die nicht in einem festen Zustand verbleibt, sondern sich bei jedem Blick verwandelt. Dazu müsste Literatur sich selbst vergessen, und bald darauf empört erwachen, in einer Sprache der Ungewissheit, aus der Details entschwinden wie nach einem Traum.
In diesem Sinne sehne ich mich nach einer Literatur, die Möglichkeitswelten schafft, die bei genauerer Betrachtung hunderte Türen zu einer Gesellschaft öffnet, die keinen Sinn macht, weil sie sich über Ordnung definiert, dabei aber das Gegenteil dessen ist.
Ich würde gerne mal wieder mit Sprache spielen und taktieren, und sehen, dass sie spiegelnd die ungestellte Frage nicht beantwortet, sondern ausspricht. Am Ende eines Werkes, am Ende eines Satzes will ich keine endgültige Lösung und kein Urteil; schließlich braucht unser Denken etwas Verwirrung, um sich selbst zu denken.
Um Standpunkte zur deutschen Gegenwartsliteratur soll es gehen, das heißt um Wunsch, um Erwartung, und letztlich um persönliche Färbung. Ich wollte keine Letztbegründungen, keine ästhetischen Urteile über bestehende Werke und eben keinen Klartext sprechen. Doch der Standpunkt bringt mich in eine unangenehme Situation, in der ich Literatur normative Vorgaben mache, obwohl ich mich entschieden dagegen ausspreche. So führt mich die Beschäftigung mit meinem, mit unserem Paradox, mit dem Paradox der Literatur, mit dem Paradox in jeglichem Rahmen, auch in diesem, wieder zum Paradox und zu seiner Unauflösbarkeit zurück.

Roxanne Phillips, 1986 in London geboren, ist Studentin der Neueren deutschen Literatur, Philosophie und Geschichte an der LMU München macht gerade ihren Magister-Abschluss.

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