Klartext (18.11): Annette Keck

Als Literaturwissenschaftler_innen haben wir bislang nur am Rande gesprochen und so sollte es auch sein, es war und ist ein Forum der literarischen Autorinnen und Autoren. Schreibende über Literatur wurden zudem gehört, die feuilletonistische Literaturkritik, auch heute wieder auf dem Podium zu finden. Wir von der Wissenschaft definierten unsere Rolle hier so, wie sie uns auch sonst wo gerne zugeschrieben wird, als Gastgeber und freundliche Randfiguren, die moderieren, zurückhaltend diskutieren und ab und an historische Tiefendimensionen bereithalten. Zu Texten jüngsten Datums – so war hier zu hören – haben sie nichts zu sagen, weil die Herren und Damen Germanisten – wie Herr Schrott sekkant spitzelte –  keine Kriterien der Literaturkritik (mehr) haben und/oder sicherheitshalber auf ihren Bürostühlen abwarten, bis sich das eine oder andere kanonisiert hat, um dann die professoralen Häupter darüber beugen zu können und die Theorien herauszuschreiben, welche „der Dichter“ einige Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte davor hineingeschrieben hat. Schon Friedrich Nicolai, ein giftiger Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts, fand es unglaublich komisch, dass Schiller philosophische Begriffe „ausgerechnet in Gedichte“ hineinschreibt; die Literaturwissenschaft ist ihm (Schiller) dafür bis heute verpflichtet, Nicolai weniger, der vor dem Auseinanderdriften von Kunst und Unterhaltung warnte.

Was will ich von der deutschen Gegenwartsiteratur? Die Realismus-Frage, die mehrfach in dieser Woche angeschnitten wurde, lässt mich etwas ratlos zurück. Wenn ich eines nicht möchte, dann die Welt lesen, wie ich sie jeden Tag erlebe. Die brauche ich nicht lesen, die habe ich jeden Tag, da kann ich mich in ein Café oder die U-Bahn setzen und die Menschheit betrachten, belauschen, das ist mindestens so amüsant, lehrreich, ärgerlich, schockierend und meistens auch überraschender. An den deutschen Bürgerlichen Realisten des 19. Jahrhunderts kann man sehen, dass es Ihnen weniger darum ging, Realität zu schreiben, als zu fragen, was denn überhaupt ‚real‘ sei und wie man das erzählt. Ich möchte lesen, was mir etwas zu denken gibt, das ich mir dann als Wissenschaftlerin in der Satz-für-Satz-Auseinandersetzung in langen Schreibtischstunden erschreibe, das ich nachdenke.

Und wenn mich etwas an dem hier viel diskutierten Familien- und Gesellschaftsroman interessiert, dann wie man heute und künftig die Zeit der Familien und Genealogien erzählen soll,  in Zeiten von in vitro-Fertilisationen, Leihmüttern, Samenbanken und Organzüchtungen, ‑transplantationen, Klonen. Gleiches gilt für das Erzählen von Krankheit in Zeiten der Medikalisierung, anders gesagt: wie erzählt man das Schicksal eines ausbleibenden Botenstoffs.  Oder um ein anderes Thema zu nennen: die zunehmende Unfähigkeit, sich zu erzählen, die ich (und andere) bei Jugendlichen immer wieder wahrnehme. Was heißt das und wie erzählt man das, dass Menschen mitten in einer demokratischen Gesellschaft das Erzählen und damit vermutlich eine zentrale Form des Selbstbewusst-Seins abhandengekommen ist bzw. vorenthalten wird. Vorschläge gibt es sicher zu allen Themen – kein Lamento also, sondern eine Frage: „wie“ kann man „was“ erzählen?

Nora Bossong hat uns am Montag die Schriftstellerin als Steuerberaterin präsentiert, die eines Tages in unserer Wohnung steht, wo sie ungefragt die Fahrkarten, Restaurantrechnungen, Bücherquittungen inspiziert und wendet. Wenn ich mir etwas wünschen darf – was hier auch schon lauthals verboten wurde –, dann eine Literatur, die mir die Quittungen so präsentiert, dass sie mir etwas Aufregendes im doppelten Wortsinn zu lesen geben.

Wenn es etwas gibt, was mich an dem als reaktionär gescholtenen, weil ja gar nicht realistischen, deutschen Realismus des 19. Jahrhunderts anzieht, dann ist es das Glück in der Sprache. Diese Sprache der Realisten hat – wie eine Freundin und Kollegin, Cornelia Zumbusch, einmal sagte – ihr Festtagsgewand an. Diese Sprache prangt, funkelt und stolziert in steifen Wortkleidern über die Seiten, sonntäglich zurechtgemacht, selbst in den deprimierendsten Geschichten. Und wenn man gut mit und über die Texte schreibt, dann bekommt man, im besten Fall, ein wenig von diesem glücklichen Glanz ab. Dann kann man die Literatur für andere von ihrem Staub befreien, sie durchschütteln, ausklopfen, bürsten und sagen: seht her. Das ist für mich eine Aufgabe, die uns die Literatur stellt und wenn es um die Frage der Ewigkeit geht, die Sybille Lewitscharoff und andere hier diskutiert haben, dann kann ich nur sagen, wollen wir hoffen, dass sich der eine oder die andere Literaturwissenschaftlerin von dem Glück Ihrer Sprache anstecken lässt, es fortschreibt, die Putzarbeit macht und anderen damit ein Licht aufsteckt, das in die Zukunft brennt.

Vielen Dank!

Annette Keck ist Professorin für Gender Studies, Kulturtheorie und Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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