Klartext (18.11): Armin Kratzert

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ein Fest für die Literatur – finde ich großartig! Aber was machen wir hier eigentlich? Da sitzen jeden Tag freundliche Leute in einem tristen Raum der Uni und hören 10 oder 12 Menschen zu, die über Literatur reden oder den Literaturbetrieb oder was sie dafür halten. Das heißt ‚Klartext’. Aber welches ist das Thema? Wo sind die Fragen? Worüber sprechen wir?

München, angeblich eine der wichtigsten Verlagsstädte der Welt, was wohl daher rührt, dass ein Gütersloher Mischkonzern mit amerikanischem Namen seine zusammengekauften Verlage in einem Gewerbegebiet in Berg am Laim parkt, München also, die berühmte Verlagsstadt, leistet sich jedes Jahr im späten Herbst mit der ‚Corine’ eine wirklich groteske Literaturpreisparodie, und mit der ‚Bücherschau’ im Gasteig die größte Bahnhofsbuchhandlung diesseits von Castrop-Rauxel.

Und neuerdings eben auch noch das forum:autoren.

Eine Bestandsaufnahme der deutschen Literatur hat sich Kurator Matthias Politycki heuer vorgenommen, eine Erkundung dessen, was wirklich wichtig ist.

Eine Bestandsaufnahme: Das heißt doch wohl Katalogisierung, Kanonisierung, Musealisierung. Festhalten des Bestehenden, Reden über das, was vorgestern geschrieben und gestern schon in den Feuilletons verhandelt wurde.

Das soll eine Idee für ein Literaturfest sein? Für wen ist denn dieses Fest gedacht? Für Germanistikstudenten? Oder Altphilologen? Wir müssen hier wohl eher von einem Nachruf zu Lebzeiten sprechen.

Die Veranstaltungsorte des Programms: Literaturhaus, Saal. Literaturhaus, Bibliothek. Literaturhaus, Cafe. Und natürlich Uni Hauptgebäude, Raum F 107. Die letzten Reservate des Bildungsbürgertums. Da werden dann sogenannte Lebenswerke zelebriert. Draußen, in der Stadt, merkt man nicht viel davon.

Das ein Literatur-Fest zu nennen, ist ganz schön dreist.

Ein Autor wagt viel, wenn er ein Buch schreibt, er investiert 2 oder 3 Jahre Lebenszeit, hangelt sich von Stipendium zu Stipendium, macht Schulden und hat keine Ahnung, ob er damit irgendwann durchkommt. Auch ein Verlag geht erhebliche Risiken ein, immer wieder, gerade in diesen unsicheren Zeiten.

Und ein Literaturfestival? Bequem ausgestattet mit öffentlichen Geldern?

240.000 € kostet dieses hier. Und 7000 Leute werden kommen, hofft das Kulturreferat. 34,28 € macht das pro Besucher.

Dafür diese jämmerliche Eröffnungsfeier? Die scheußlichen Plakate? Das ganze unfrohe Reden und Dozieren und Jammern und Selbstbeweihräuchern? Dieses Betriebskaffeekränzchen?

Man könnte zum Beispiel auch 10.000 Münchnern die eine oder andere literarische Neuerscheinung in die Hand drücken. Damit sie lesen. Beteiligt sind. Und dann darüber nachdenken, ob ein Literaturfest von der Art, wie es ja nun landauf, landab veranstaltet wird, in Köln und Berlin und in Hamburg und in München, ob das wirklich so eine tolle, neue, zeitgemäße Idee ist.

Was sind denn eigentlich die Kriterien für die avisierte Bestandsaufnahme, die Suchfilter fürs Programm?

Gelesen – und geliebt – wird etwas völlig anderes als das, was hier präsentiert wird. Die Schüler lesen Comics und Harry Potter, und die Erwachsenen lesen, das sagen uns die Bestsellerlisten, Dora Heldt, Charlotte Roche, Iny Lorentz, Rebecca Gable, Tommy Jaud, solche Sachen.

Wie kann ein Literaturfest einen Weg finden, damit angemessen – und kritisch – umzugehen, diese Leute also abzuholen, auf anderes neugierig zu machen?

Ein Buch ist nicht gut, weil es ein Buch ist: Wir alle wissen, dass furchtbar schlechte geschrieben werden. Und ein Literaturfestival ist nicht automatisch prima, weil da Schriftsteller auftreten.

Die bekannten Namen der immer gleichen Verlage mit ihren jeweiligen Herbstnovitäten? Die würden auch so kommen, und eben in irgendeiner Buchhandlung lesen, oder im Literaturhaus, wie sie es immer getan haben.

Könnte vielleicht irgendjemand mal ein bisschen Mut haben? Mir was Neues zeigen? Nach vorn schauen, darüber spekulieren, wo die Reise hingehen könnte? Etwas probieren, das ich noch nicht gesehen habe? Mich ein bisschen überraschen also? Dafür wäre so ein Festival ja vielleicht eine ganz schöne Plattform …

Armin Kratzert, geboren 1957 in Augsburg, studierte Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Literatur. Danach arbeitete er als freier Journalist und Fernsehautor und ist seit 1986 für den Bayerischen Rundfunk tätig. Er schreibt Gedichte, Theaterstücke und Romane und lebt in München.

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