Klartext (16.11): Cornelia Zetzsche

„Made in Germany“ ist eine Frage des Standorts
Deshalb: 3 STANDORTE und ein paaar uralte FRAGEN

1.Der Standort Deutschland produziert – bei aller Artenvielfalt – Literatur vom Mittelstand für den Mittelstand in mittleren Lagen, wohltemperiert.
Literatur „made in Germany“ ist streichholzklein auf der Karte der Weltliteratur, unsichtbar auf Google Earth.
Deutsche Literatur im Ausland, ist „eine Maus, die brüllt“ (Leonard Wibberly).
Nur 1000 von 14 000 Titel werden übersetzt, v.a. von China, das hat Bedarf an Freizeit, Erholung, Kultur und anderen „weichen Standortfaktoren“ wie der „Achtung von Menschenrechten“.
Literatur „Made in Germany“ ist ohne Referenzsystem zur Welt.
Ein Standort ohne Standpunkt?
Pose statt Position?
Avanciert, aber keine Avantgarde?
Realistisch, aber realitätsfern?
Hier die Literatur – dort das Leben?!
Muß man erst Goethe lesen, um etwas über Geld zu erfahren??
Bleiben Armut und Prekariat Günter Wallraff, Clemens Meyer und Volker Braun überlassen?
Warum geht eine kurze Geschichte von Alice Munro mehr unter die Haut als mancher dicke Roman hierzulande?
Weil sie sich liest, als schreibe sich das Leben selbst?
Vielleicht schafft man ja, was einst mit deutschen Messern und Dolchen in England gelang: Aus „Made in Germany“, aus dem englischen Kennzeichen für „minderwertige Feindesware“ ein Gütesiegel zu machen?!

2. Standort: Der Schreibtisch als Denkort ist passé.
Ein Autor von heute ist unterwegs im Tournee-Karussell, blickt durchs Fenster auf die Realität, durchs Zugfenster, auf den Bildschirm.
Hat keine Zeit zu erkunden, „was wirklich wichtig ist, was Stil und Relevanz hat.“ (Politycki)
Keine Zeit, auf „Inspiration“ zu warten, das Leben zu leben, Stoff bieten könnte.
Literatur schöpft aus dem Fundus von Erfahrung, aber Erlebnisse sind noch keine Erfahrung, Autobiographisches garantiert keine Authentizität.
Und „nichts ist so phantastisch wie das Authentische“(Rainald Goetz, Irre).
Wo ist denn „der Stoff, der auf Nägeln brennt?“
Das innere Brennen, die innere Notwendigkeit, dies und nichts anderes zu schreiben zu können und zu müssen?
Der Schrecken, über den man lachen darf?
Der existentielle Ernst – pathosfrei und ohne Sentiment?
Wo ist der „Stil, der im Ethischen wurzelt“, wie Sibylle Lewitscharoff sagt?
Der ureigene Ton – nicht der Sound einer Generation?!
Und wo ist die Verankerung im Universalen? Wo kippt das Kleine ins Große?
Wo ist Literatur, die trifft, berührt, angreift, ergreift, verletzt und selbst verletzbar ist?
Literatur, die verändern will und verzaubert und zeigt: Die Wahrheit liegt immer einen Hauch neben der Wirklichkeit.
Die gute Nachricht ist: Es gibt die Ausnahmen im Allerlei:
Es gibt Klüssendorf, Lentz, Lewitscharoff und andere.
Es gibt die Frischzellenkur durch Chamissos Enkel,
Migrantenkinder wie Calis und Zaimoglu.
Es gibt die Morgenröte im Osten von Schulze bis Kathrin Schmidt, Tellkamp bis Schalansky, deren Erfahrungsraum reicher scheint als manchmal hierzulande. Bitte mehr davon!

3. Standort München
Alles ist wunderbar, Oberhausen wäre froh über dieses literarische Angebot. Zweimal Münchner Literaturfest und schon ist’s „Tradition“, sagt der Referent und verkennt, daß München eben nicht Oberhausen ist. OB Ude rühmt München längst vorsichtiger: nicht mehr als zweitgrößte Verlagsstadt der Welt, sondern als größte Europas.
Passé ist der Föderalismus der alten BRD, es wirkt der Magnetismus Berlins.
Autoren verlassen den Standort München: Ulrike Draesner, Rainald Goetz, Michael Lentz, Maxim Biller, Rafael Seligmann, Günter Herburger, Ilija Trojanow.
Sie flüchten vor hohen Mieten und Ereignislosigkeit.
Verlage gehen: Ullstein, Econ, List, Blumenbar.
Krüger nennt München eine „Rentnerstadt“ und eröffnete die Hanser-Filiale in Berlin.
Die Literaten-Villa Waldberta ist nun ein Künstler-Gästehaus – ohne Programm. Buchhandlungen sind ausgehebelt vom Literaturhaus, aber Richard Powers, Column McCann, die Stadtschreiber aus Argentinien und Island ziehen an München vorbei, nach Salzburg, Zürich und Stuttgart!
Wer Literatur will, muß reisen, am besten nach Berlin.

Cornelia Zetzsche. Die in Leipzig geborene Cornelia Zetzsche studierte in Tübingen Germanistik, Geschichte und Politik. Nach Stationen in der Europa-Politik, bei Printmedien und beim Fernsehen, arbeitet sie heute im Hörfunk des Bayerischen Rundfunks als Literaturredakteurin und moderiert unter anderem Sendungen wie „radioTexte – Das offene Buch“ und das Büchermagazin „Diwan“. Darüber hinaus kuratiert Cornelia Zetzsche Festivals und ist Lehrbauftragte der Ludwig-Maximilian-Universität München.

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