Klartext (16.11): Julian Werlitz

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! -

Das sind die ersten vier Verse des Gedichts “Der Fliegende Robert” von Hans Magnus Enzensberger. Es bezieht sich auf die letzte Geschichte des “Struwwelpeter”, in der ein aufmüpfiges Kind während eines Sturms, an einen Schirm geklammert, durch die Wolken fliegt. In Enzensbergers gewagter Umdeutung wird dieser tragische Unfall zur trotzigen Realitätsflucht. Das “Sauwetter” müsste demnach eine irgendwie ungemütliche Gegenwart meinen – ob gesellschaftlich, politisch oder einfach nur alltäglich-langweilig.
Ich spare es mir, jetzt Gemeinplätze zu unserer stürmischen Zeit aufzusagen. Es soll hier nur um die Wetterlage der deutschen Gegenwartsliteratur gehen. Und in einer – vielleicht ebenfalls gewagten Umdeutung – will ich diese ausgehend vom Begriff des Eskapismus bestimmen:
Man bezeichnet damit eine – bewusste oder unbewusste – Haltung gegenüber der Realität: aus ihr wird geflüchtet in scheinhafte Ersatzräume, wie etwa der fiktiven Welt eines Romans.
Gemeint ist das tatsächlich meist als Vorwurf: Denn der Eskapist entzieht sich den Widrigkeiten des Alltags. Wir finden die Welt selten so vor, wie wir sie uns wünschen. Überall Ausbesserungsbedarf.
Sollte daran nicht gemeinsam gewerkelt werden, im Sinne gesellschaftlicher Zielvorstellungen?
Zumindest sollten alle mit drinhängen. Der Realitätsflüchtige ist wie ein Arbeitskollege, der ständig blau macht … Irgendwie empörend.
Und überhaupt sind solche Alltags-Deserteure verdächtige Gestalten. Man assoziiert heutzutage sofort einige Schreckensbilder: von dauerfernsehendem Prekariat, ungewaschenen und übergewichtigen Online-Rollenspielern oder Lesern von Fantasy-Literatur, die kaum noch unsere Sprache sprechen.
Vielleicht ist Mitleid angebracht? Die Flucht in Fiktion legt nahe, dass solche Eskapisten mit der Wirklichkeit nicht recht klar kommen. Können oder wollen die nicht? Man muss sich doch dem “Ernst des Lebens” stellen. Und richten die nicht auch volkswirtschaftlichen Schaden an? Feiglinge.
Asoziale. Komplette Dienstverweigerer – wenn das jeder so machen würde!
Kann man der Gegenwartsliteratur vorwerfen, diese zersetzende Haltung zu begünstigen? All die Romane, die historische Tragödien, Familiengeschichten oder unerfreuliche Kindheiten aufarbeiten, laden kaum dazu ein, über ihnen die Realität zu vergessen. Auch schöngeistige Selbstbespaßung tut das nicht.
Mein Vorwurf lautet also: Zu wenig Eskapismus!
All den Bedenken möchte ich die Behauptung entgegensetzen: zweitweilige Realitätsflucht ist die vielleicht ursprünglichste und ehrlichste Motivation überhaupt zu lesen. Wann wird man zum Leser? Wohl nicht in einem Alter, in dem man dann gravitätisch allerlei Funktionen von der Literatur fordert. Sondern – ohne dieses vielleicht etwas seichte, pathetische Bild geht es nicht – als Kind am Rande der Suchtgefahr; als man ein Buch auch gegen elterlichen Schlafbefehl einfach weiterlesen musste, weil einem dessen fiktive Welt (Zitat Daniel Kehlmann) “sowohl wirklicher als auch wahrer” vorkam als die “aufdringliche, laute Welt da draußen.”
Und doch muss Literatur natürlich darüber hinausgehen: “Letzte Fragen” stellen, grundsätzliche Probleme des menschlichen Daseins wälzen, also letztlich: Die Wirklichkeit deuten.
Die (für mich) größten Bücher haben beides verbunden: Die packende Oberfläche, die Geschichte, aus der man freiwilllig nicht mehr heraus will, und auf einer tieferen Ebene das Wichtige, Entscheidende, wenn auch schwer zu Bestimmende, meinetwegen das Transzendente, nach dem wir immer suchen, das uns aber in reiner Thesenform selten recht befriedigt.
Wie sieht es nun damit in der Gegenwartsliteratur aus? Man könnte ja vermuten, dass mittlerweile illusionsmächtigere Medien bereitwillig diese Lücke füllen. Mein Statement ist keine Beschwerde.
Eher die Erinnerung an einen – möglicherweise nur subjektiven – Idealfall. Und es gibt solche Bücher. Aber sie sind selten. Möglicherweise waren sie das aber immer … Deutsche Namen fallen mir leider recht wenige ein. Daniel Kehlmann, vielleicht Helmut Krausser – beide gebürtige Münchner übrigens, die ich gerne auf Bühnen des Literaturfests gesehen hätte …
Das Wetter ist also eigentlich sehr gut. Nur liegt das eher an einigen sonnigen Tagen, als an der Durchschnittstemperatur.

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