forum:autoren vorgestellt (7): Wolfgang Schömel im fabMUC-Interview

stevan: Wolfgang, Du bist seit mehr als zwanzig Jahren Literaturreferent der Hamburger Kulturbehörde, Herausgeber des literarischen Jahrbuchs „Hamburger Ziegel“ und gleichzeitig selbst erfolgreicher Schriftsteller. Eine interessante Doppel-Profession, Du kennst den Literaturbetrieb von allen Seiten. Was sind die Vorteile und gibt es auch Nachteile?

Wolfgang Schömel: Einfach gesagt: Als Schriftsteller hat man Nachteile davon, Funktionär im Literaturbetrieb zu sein, und Vorteile davon, ein festes Gehalt zu beziehen. – Als Behördenmensch hat man eindeutig geringe oder gar keine Karrierechancen im Apparat, wenn man sich als Schriftsteller entpuppt, und man hat Vorteile, was eine gewisse Narrenfreiheit angeht. Der sogenannte Literaturbetrieb bestraft Leute, die nebenher einen festen Job haben, besonders einen Job im Kulturbetrieb. Das ist pfui und sozusagen per se ungenial. – Kulturverwaltungen prahlen gern mit Künstlern in ihren Reihen. Aber bitte nicht in Leitungsfunktionen, da gehören anständige Menschen wie Juristen und BWLer hin.

Dein neuer Roman Die große Verschwendung beleuchtet ein städtebauliches Politikum, das im Buch zwar an der Weser angesiedelt ist, jedoch merkwürdige Ähnlichkeiten mit einer Hamburger Renommier-Baustelle an der Elbe aufweist, die auch den Umschlag Deines Buches ziert. Die Frankfurter Rundschau meinte gar „… tiefen Einblick in die äußerst peinliche Kulturpolitik der beiden hanseatischen Stadtstaaten“ bekommen zu haben. Und in der Tat zeugt die entlarvende Satire von Kennerschaft. Gab es Rückmeldungen aus Amt und Politik?

Naturgemäß fast nur positive. Wer den Text hasst, schweigt oder lobt ihn besonders laut. Das nannte man früher repressive Toleranz. Ansonsten fühlen sich viele in eigenen Erfahrungen bestätigt und freuen sich. Dann gibt es sowieso noch die Leser, die auf Sprache und Zwischentöne achten. Das sind die wichtigsten Leser. Bei denen habe ich glücklicherweise einen guten Stand.

„Die große Verschwendung“ gibt es, gerade kulturpolitisch gesehen, ja nicht nur in Hamburg oder Bremen. Da wird so manche große Dummheit gefördert, während vielfach kleinen, ambitionierten Kulturprojekten erst das Geld und dann die Luft ausgeht. Was sind Deiner Meinung nach allgemein die großen kulturpolitischen Herausforderungen, Ziele und Möglichkeiten der Zukunft.

Die Kulturpolitik muss meiner Ansicht nach aussteigen aus dem vor zwanzig Jahren begonnenen Irrsinn, Eventmaschinen zu bedienen, um sich vor der Finanzpolitik als “Standortfaktor” zu rechtfertigen. Sie muss zurückkehren zu der Erkenntnis, dass das lebendige Gewusel von Kunst und Künstlerpersönlichkeiten der entscheidende Standortfaktor einer Metropole ist. Dies gilt es aufmerksam, großzügig, zuverlässig und vor allem sachkundig zu fördern.

Dein Buch ist nicht nur Aufzeichnung eines machtgierigen Politsystems ohne Kultur und Kinderstube, das nur noch sich selbst verpflichtet ist, Du erzählst auch die Geschichte eines schwermütigen Politikers der im Strauchel der Midlife-Crisis einen zweiten Frühling zu erzwingen versucht und über die Liebe stolpert. „Das Private ist politisch und das Politische ist privat“, hieß es in den 70ern, heute verkünden Soziologen die Rückkehr der alten Gesellschaftstheorie. Ist Dein Protagonist Dr. Georg Glabrecht Opfer dieser Verquickung von Öffentlichkeit und Privatleben? Oder liegt ein Grossteil seiner Lebenstragik schon darin einfach ein Mann zu sein?

Beides. Sein Leben als Mann in einer, wie Glabrecht vielleicht sagen würde, “effeminierten” Kultur, und überhaupt sein Leben als Mann im Kampf der Geschlechter ist ein wichtiges Thema. Zum anderen gerät dieser präzise Charakter, dieser Wortgläubige, in ein Feld, in dem Wörter nichts wert sind, in dem ein schwammiger Charakter und die Anpasserei Karrierevoraussetzungen sind. So ist Politik heute. Glabrecht spielt den Zyniker, auch vor sich selbst tut er das, und tiefinnerlich sehnt er sich nach den großen Gefühlen.

In München wirst Du gemeinsam mit Feridun Zaimoglu einen Abend lang die „Tragik der Männer mit und ohne Frauen“ beleuchten, ihr werdet über „Sex, Erotik und Scham“ diskutieren und Du wirst auch an einer Klartext-Debatte teilnehmen. Worauf freust Du Dich besonders, was erwartet die Festivalbesucher, was erwartest Du Dir von München?

Ich freue mich sehr über die Möglichkeit, über mein Lieblingsthema, über das auch Zaimoglu eine Menge zu sagen hat, zu sprechen. Außerdem hoffe ich auf harte Diskussionen über den Literaturbetrieb und die Literaturkritik. Beides befindet sich im Augenblick in einem bejammernswerten Zustand, der die Literatur als Kunst in die Knie zwingt.

Vielen Dank für Deine Zeit!

Wolfgang Schömel

Wolfgang Schömel, geboren 1952 in Bad Kreuznach, studierte Literatur und Philosophie in Mainz und Bremen, Promotion über den heroischen Pessimismus und Nietzsche. Literaturwissenschaftliche und literarische Veröffentlichungen. Schömel ist seit 1989 Hamburger Literaturreferent, seit 1992 Mitherausgeber des literarischen Jahrbuchs “Hamburger Ziegel”. 2003 erhielt er den Georg-K.-Glaser-Preis, 2005 hat er den Preis “Buch des Jahres” erhalten. Ein Roman und zwei Erzählbände sind bereits bei Klett-Cotta erschienen.

Wolfgang Schömel in München

Lesung und Diskussion
Dienstag 15.11.2011 20.00 Uhr
“Die Tragik der Männer mit und ohne Frauen”
Feridun Zaimoglu und Wolfgang Schömel
Literaturhaus Saal
Eintritt 9,– / 7,–
Karten unter: 089 – 54 81 81 81
muenchenticket.de

Klartext
Mittwoch 16.11.2011 16.00 Uhr
mit Knut Cordsen, Angelika Klüssendorf, Kathrin Schmidt, Wolfgang Schömel, Raoul Schrott, Jens Sparschuh, Burkhard Spinnen,Thomas Willmann, Cornelia Zetzsche
LMU Hauptgebäude, Raum f107, Eintritt frei
In Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Philologie der LMU

2 Gedanken zu “forum:autoren vorgestellt (7): Wolfgang Schömel im fabMUC-Interview

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