Neue deutschsprachige Lyrik (4): Nora Gomringer

fabMUC veröffentlicht regelmäßig ausgewählte Gedichte von entdeckenswerten Autorinnen und Autoren. Heute empfiehlt fabMUCer Stevan Paul Lyrik von Nora Gomringer.

Sie öffneten den Mund sehr weit

Und es kamen heraus:
Babys, denen man die Stirn bekreuzte.
Windräder, die laut im Garten des Nachbarn surrten,
goldenen Wind zu spinnen.
Reformen, Reformen, Refrains,
Meine Mutter, die entstieg dem Rachen.
Sie machte ein ratloses „tztztz“
Und überlegte, wohin mit der Türkei.
Einen langen Schal zog sie hinter sich her,
Telefonkabel, Abhöranlagen und einen alten Mann
Mit dem Namen eines Tycoons.
Laute Echos, die mir von Chancen
Ob meiner Jugend
Ob meiner Leistungskraft
– wie wenig sie doch von mir wussten dort unten…
Vieles versprachen.
Dichter flogen aus dem Schlund,
wie immer unerschütterlich, dem Licht entgegen.
Taler entrollten den Kiefern und klingelten
Gen Norden, Osten,
Olivensüden, HotDogWesten.
Mein toter Großvater kam dieser Tage
Aus der Röhre gekrochen, die Säure setze ihm zu.
Es sei ihm zu gallig dort unten.
Sie hätten ihm gesagt, die Gräber der Alten,
die lehrten Respekt, das Rechts sei vom Links
kaum zu scheiden.
Und bald karpfte ich nach und redete Stuss,
Begann selbst, den Mund weit zu öffnen.

Nora Gomringer, Nora Gomringer, geboren 1980, schreibt Lyrik, für’s Radio und für verschiedene Zeitungen. Sie wurde in mehrere Sprachen übersetzt (gerade erschienen Gedichte auf Französisch und Schwedisch) und neben dem Schreiben ist sie Direktorin des Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. 2011 hatte sie die Poetikdozentur in Sheffield und die in Kiel (November) inne und erhielt den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache. www.nora-gomringer.de www.voland-quist.de

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