Essays zur Gegenwartsliteratur: Wofür stehst du? Junge Literatur, Poesie… und Position

Ein Essay von Stefan Mesch

„Mögt ihr Feigen? Wohnt ihr bei San Francisco? Habt ihr eine Leiter? Dann kommt vorbei und plündert meinen Baum!“, schrieb Ayelet Waldman letzten Monat auf Facebook: „Die Früchte sind für euch – wenn wir ein Schälchen abkriegen.“

“Wir”, das sind Waldmans vier Kinder und ihr Ehemann, der Pulitzer-Preisträger Michael Chabon (“Die Wonder-Boys”, “Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay”), und “ihr”, das sind die 6000 Fans auf Waldmans Facebook-Autorenseite.

Nach drei eigenen Romanen, einer Krimi-Reihe, einer Essaysammlung über Mutterschaft (Interview hier) und einer Reportage über das Schicksal schwarzer Frauen in US-Gefängnissen gehört Waldman heute, mit Mitte 40, zu den wichtigsten liberalen / feministischen Stimmen der USA: Barack Obama besuchte mit ihr die Harvard Law School. Und nächstes Jahr startet ihre erste eigene Fernsehserie, über jüdische Magier im Prager Ghetto. Auf HBO.

Schon schön, dass Waldman “uns” anbietet, ihre Obstbäume zu plündern. Noch schöner aber, dass sie offen über ihre Abtreibung und ihre postnatalen Depressionen schreibt, über ihre Ängste, keine gute Mutter zu sein, über Neurosen, Überforderung, Eifersüchteleien und schlechte Laune:

Auf Deutsch kenne ich diese Verletzlichkeit / Direktheit von Monika Maron. Barbara Honigmann. Manchmal auch Thomas Bernhard. Dietmar Dath. Erich Mühsam. Autorinnen und Autoren, die ihre Unsicherheiten, Verletzungen und Ängste greifen… und nach vorne werfen. Frei legen. Zum Thema machen.

Nicht jeder Diskurs, nicht jeder künstlerische Austauch muss persönlich sein oder autobiografisch: Es wäre boulevardesk und böse kleingeistig, von jedem Schreiber zu verlangen, seine Ideen mit plumpen Privatheiten zu unterfüttern, seine “Credibility” mit intimen, “authentischen” Beichten zu beweisen.

Und, schlimmer: Oft verstellen solche Privatheiten sogar den Blick aufs Buch. Martin Walser etwa gehört als Stilist und Beobachter zu meinen allergrößten Helden. Doch jedes Mal, wenn er auf 3sat wieder ganz verzottelt und im selben Dialekt wie die muffligen, alten Winzer bei uns im Dorf “ha ja… weisch’d?” fragt, sagt mir mein Dorfinstinkt: “Stefan? Schnell weiter! So redet keiner von den Guten.”

Die Nacktfotos von Scarlett Johansson? Die Nachricht, dass Queen Elizabeth jeden Morgen müdes Müsli aus einer alten Tupper-Dose löffelt? Der hässliche Wunsch, hinter Stolz, Mut, Ambition nur immer wieder Filz, Lügen, Hass und Mittelmäßigkeit zu finden? “Schaut her: AUCH SIE kocht nur mit Wasser…”? “Der Nagel, der heraussteht, wird eingeschlagen”?

“Kann man Autoren zum Nachdenken überreden? Kommt dabei was raus? Wieviel Arbeit ist dazu nötig?”, fragte mich Freund Lino Wirag heute morgen und erinnerte an “treffen – Poetiken der Gegenwart”, ein großes Buch- und Werkstattprojekt von 2008.

Als Redakteure bei “BELLA triste – Zeitschrift für junge deutschsprachige Literatur” luden wir damals zehn (großartige!) Autorinnen und Autoren unter 35 für ein Wochenende in eine leerstehende Hildesheimer Villa ein und baten sie, über die Literatur der Gegenwart zu sprechen: Poesie oder Politik? Utopien oder Angst? Traditionen oder Sturm?

“treffen – Poetiken der Gegenwart” wurde ein kluges, hartes, deutliches Buch: Thomas Pletzinger schrieb über eine Fischvergiftung. Jagoda Marinic über falschen Elitarismus und Lebensferne. Zehn Autorinnen und Autoren traten in einen präzisen, erstaunlich kantigen und neuen Dialog. Fast jede Zeile klang fremd, vage “verboten”, knisternd, unerhört.

Denn deutsche Erzähler haben eine (berechtigte, faire) Scheu davor, zu viel von sich selbst Preis zu geben. Und, zugleich: eine (unsinnige, verbohrte) Angst, sich lächerlich zu machen.

Und lächerlich macht man sich leicht: Günter Grass unterstützt die SPD? Wie peinlich! Thomas Hettche schreibt über “Die Liebe der Väter”… und ist selbst Wochenendvater? Wie billig! Frank Schätzing modelt in Unterwäsche? Narzisst! Benedict Wells schreibt unter Pseudonym? Blender!

Ein Stipendium gewinnen. Den Verlag wechseln. Das Buch eines Kollegen besprechen. Twittern. In einem anderen Land leben. Ins Fernsehen gehen. Seine Familie zeigen. Seine Familie nicht zeigen. Eine wahre Geschichte erzählen. Eine wahre Geschichte nicht erzählen… alles wirkt verdächtig. Unprofessionell. Selbstgerecht.

Oder, wie Tilmann Hanitzsch schreibt – zitiert in einem Text von Jeff Jarvis, der am Mittwoch bei Twitter und Facebook die Runde machte:

“Uns [Deutschen] fehlt die Kultur, unser Wissen zu teilen. Wir haben die asoziale Einstellung, jeden Teil unseres Wissens als Wettbewerbsvorteil zu betrachten, den wir lieber für uns selbst behalten … Hattest du Erfolg? Bleib ruhig, sonst provozierst du nur Neid. Hast du einen Fehler gemacht? Wie peinlich. Darüber sprechen? Um Himmels willen, nein! Wir haben keinen Anspruch auf eigene Fehler, sondern wiederholen die Fehler der anderen.”

Ein Klima, das Standpunkte bestraft. Dialoge verflacht. Austausch erschwert: Jedes Mal, wenn Daniela Seel, Gründerin des kookbooks-Verlags, oder Florian Voss, Lyriker und Mitglied im (hochspannenden!) “Forum der 13”, in meinem Facebook-Stream über soziale Gerechtigkeit, Datenschutz, Gender oder Politik posten (manchmal auch: abkotzen), macht mein Magen einen kleinen Sprung: “Das sind doch ‘richtige’ Autoren! Dass die sich das trauen…!?”

Sie tun’s. Und es sollten noch viel mehr von ihnen geben: verletzliche, engagierte, private, unprätenziöse, deutliche, mutige öffentliche Stimmen, gerne auch in Posts und Tweets.

Französische Intellektuelle schaffen diesen Spagat aus Poesie und (persönlicher) Position seit 150 Jahren. US-Denkerinnen wie Ayelet Waldman schreiben leichthin “Panade vermurkst. Das ganze Geld für die teuren Filets verschwendet. Mist!”

Und Stephan Porombka, mein Hildesheimer Professor für Kulturjournalismus, schrieb in jenem Text, der am Donnerstag auf Twitter und Facebook die große Runde machte:

“Autoren schreiben neben Büchern, Erzählungen und Essays auch Blogeinträge. Sie twittern. Sie bedienen die eigene Seite und die Seiten anderer bei Facebook mit Einfällen, Aphorismen und Kommentaren und laden kleine Videobeiträge von sich bei youtube hoch […] Erfolgreiche Schriftsteller verwandeln sich deshalb in Transmedia Storyteller. Im Mittelpunkt ihrer die alten Grenzen überschreitenden Erzählungen stehen sie selbst. […] Immer erreichbar, anschlussfähig, multitasking-fähig, beliebig zu erweitern und zu transformieren.”

Ich sehe all diese Energien in der Eigenwerbung, im Viral Marketing. Ich sehe sie (noch) nicht: im Diskurs. In politischen, poetologischen, persönlichen Texten. In klaren Standpunkten. In großen Thesen. Und: in einem lustvollen, entkrampften, öffentlichen Dialog.

Ich glaube nicht, dass uns Martin Walser zum Feigenpflücken einladen will. Oder sich viele Kritiker, Leser (und: Leserkommentarschreiber!) auf Essays einlassen wollen, in denen Autorinnen über ihre Abtreibungen und/oder postnatalen Depressionen sprechen.

Doch diese Standpunkte (und, mitunter: Entblößungen) sind wichtig.

Denn sonst werden alle Diskurse, Tabubrüche, Vorbildfunktionen, Moraldebatten und Identitsfragen den Talkshows überlassen. Den Leitartikeln. Den Video-Bloggern. Und den Celebrities: Irgendwo – ganz zwischendrin, nebenbei – las ich vor ein paar Wochen von einem Darsteller aus “Alles was zählt”, der, glücklich verheiratet, sagte, Gruppensex wäre recht fad und lustlos, so nach der dritten, vierten Kopulation am selben Abend.

Dass solche Aussagen, Reibungen, Standpunkte immer den Medienfiguren überlassen werden, die kein Interesse und kaum Anlass dazu haben, das auch mal drei, vier Schritte weiter zu denken, ist der Verlust und das Versagen junger Schreiber:

Wir leben in einer Debattenkultur. Ständig wird abgestimmt, gebloggt, kommentiert, verlinkt, zerredet. Ein Schriftsteller, der – mit Figuren als Sprachrohr – seine Stimme erhebt, ist “unbeholfen”, “moralinsauer”, “didaktisch”. Ein Schriftsteller, der – außerhalb seines fiktiven Werks – Kritik übt, ist “unprofessionell”, “wichtigtuerisch”, “weltfremd”, “ein zweiter Böll”.

Juli Zeh war auf dem Cover einer Hundezeitschrift. John von Düffel ließ sich von Kameras begleiten. Benjamin von Stuckrad-Barre machte Werbung für Peek und Cloppenburg. Charlotte Roche spricht über Sex.

Norbert Scheuer schreibt über sein Dorf, ganz ohne, den Ortsnamen zu verfremden.

Jan Brandt schreibt über sein Dorf, und glaubt, es sei damit getan, einfach den Ortsnamen zu verfremden.

Und alle so, jedes Mal: “Wie peinlich!”

•••

Zum Autor: Stefan Mesch, geboren 1983 in Sinsheim (Baden), schreibt für die ZEIT, den Berliner Tagesspiegel und literaturkritik.de. Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift “BELLA triste”, Editor des “Kulturtagebuch”-Projekts, und Mitveranstalter von “PROSANOVA”, dem Festival für junge Literatur. Seit 2009 schreibt er “Zimmer voller Freunde”, seinen ersten Roman. Stefans aktuellste Artikel und sein Blog.

 

3 Gedanken zu “Essays zur Gegenwartsliteratur: Wofür stehst du? Junge Literatur, Poesie… und Position

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