forum:autoren vorgestellt (11): Hellmuth Opitz im fabMUC-Interview

Stevan: Hellmuth, diese Tage ist Dein neuer Gedichtband Die Dunkelheit knistert wie Kandis erschienen. In Deinen eigenen Worten: was erwartet die LeserInnen?

Hellmuth Opitz: Es erwartet sie eine Tour d’horizon durch verschiedenste Themen und Tonlagen. Da geht es mal in hohem, rhythmisierten Ton um banale Haushaltsgegenstände, dafür werden große Themen wie Liebe, Tod und Weltanschauung auch mal in saloppem Parlando durchschritten. Ein Manhattan – Zyklus findet sich genauso darin wie Gedichte, die während meines Stipendiums im Brecht-Haus im dänischen Svendborg entstanden sind. Der etwas geheimnisvolle Titel steht für die Ambivalenz: Die Dunkelheit knistert – mal im Sinne von Melancholie á la Paul Simon „Hello darkness my old friend“, mal aber auch bittersüß wie Kandis, dem man einen starken Tee zufügt.

Du liest viel und gerne live, kommst wie viele Lyriker der neueren Generation vom Poetry Slam, Deine Lesungen werden stets hymnisch besprochen, es darf und wird auch viel gelacht bei Deinen Auftritten. Welche Rolle spielt der Live-Moment in Deiner Arbeit und wie bereitest Du Dich vor, was braucht es, um Lyrik zum Live-Erlebnis werden zu lassen?

Ich komme eigentlich gar nicht vom Poetry Slam, gelte da eher als Methusalem. Aber Poetry Slam ist ein interessantes Stahlbad für Lyriker. Mal seine Gedichte in einer hitzigen Live-Atmosphäre vortragen, das zeigt, ob die Poesie auch robust und strapazierfähig genug ist, das auszuhalten. Bei normalen Lesungen gehe ich mit dem Publikum aber eine Art Vertrag ein: Ich verspreche aufmerksamen Zuhörern quasi, dass sie verwandelt aus der Lesung wieder herauskommen. Mit geschärften Sinnen für Bilder und Sprache. Und was fast ebenso wichtig ist wie die Gedichte selbst: Sich nicht zu schade sein, dazwischen zu moderieren. Etwas erzählen vom Schreibprozess, subjektiven Erfahrungen, komischen Erlebnissen. Den Zuhörern die Chance auf „Entdeckerglück“ bieten…

Du gehst in der Präsentation Deiner Arbeiten als Schriftsteller auch gerne neue Wege, neben frühen Hörbuchprojekten, findet man jetzt auch einige Deiner Gedichte filmisch inszeniert im wunderbaren youtube Kanal dasgedichtclip.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Anton G. Leitner und Richard Westermaier, was war Deine Intention, Gedichte visuell zu inszenieren und wo lagen die Schwierigkeiten und Herausforderungen bei der Übertragung von Wort zu Bild?

Anton G. Leitner kenne ich schon seit über zehn Jahren. Und ich bewundere seine Art von Quirligkeit und niemals ermüdendem Engagement. Er brachte mich darauf, in dem von ihm und Richard Westermaier initiierten Gedichtclip-Kanal mal mit visuell umgesetzten Gedichten von mir vertreten zu sein. Zuerst war ich skeptisch, weil ich fand, die Bilder in Gedichten werden durch filmische Umsetzung banalisiert. Ich wollte auch keine Musikclip-Ästhetik. Das Gedicht sollte meiner Meinung nach in solchen Clips eng mit dem Autor verknüpft sein. Er sollte darin Präsenz zeigen. Das ist auch das Prinzip bei Richard und Anton. Deswegen fühle ich mich da gut aufgehoben.

Auf Deiner immer aktuell gepflegten Internetseite schenkst Du Deinen Besuchern jeden Monat eines Deiner Gedichte, bist bei Facebook vernetzt und zeigst auf youtube lyrische Kurzfilme. Wie wichtig sind Social Media und Online-Präsenz für Deine Arbeit als Schriftsteller (geworden)?

So mauerblümchen- und nischenmäßig Lyrik im konventionellen Literaturbetrieb sein Dasein auch fristen muss, im Netz ist die Lyrik gegenüber Erzählungen und Romanen eindeutig im Vorteil – und das nicht nur wegen der Kürze. Lyriker sind untereinander auch weitaus besser vernetzt. Die Faszination liegt im Austausch und der Kommunikation nahezu in Echtzeit. Das Einzige, wo ich mich strikt gegenüber den neuen Medien sperre, ist die Smartphone-Hysterie. Wenn ich mobil bin, muss ich nicht auch noch dauernd auf das Gebetstäfelchen eines Handys gucken.

In München wirst Du bei der Lyriklounge die Bühne mit zehn spannenden Lyrikern teilen, darunter F.W.Bernstein und Ulla Hahn, Du wirst Dich Backstage den Fragen einer Münchner Oberstufe stellen und Du wirst an einer Klartext-Debatte teilnehmen. Worauf freust Du Dich besonders, was erwartet die Festivalbesucher, was erwartest Du Dir von München?

Ich freue mich auf die Begegnung mit den weitaus bekannteren Kollegen und auch darauf, nicht nur zu lesen bzw. vorzutragen, sondern auch auf programmatische Debatten. Organisator Matthias Politycki ist ja bekannt für Klartext und prägnanten Standpunkt. Und München? War immer überaus warmherzig zu mir. Das zahle ich gern zurück.

Vielen Dank für Deine Zeit!

Hellmuth Opitz

Hellmuth Opitz, geboren im schneereichen Januar 1959 in Bielefeld. In der „Stadt, die es nicht gibt“ auch Kindheit und Jugend verbracht. Bassist, Gitarrist und Sänger in verschiedenen Rock- und Folkrockbands. Nach dem Abitur 1979 Studium der Germanistik und Philosophie in Münster. Während des Studiums beschlossen, nicht das Lehramt anzustreben, sondern vom Schreiben zu leben.

In der Studienzeit bereits erste Arbeiten für diverse Stadtmagazine. Dann zunächst Musikredakteur, später Chefredakteur des Bielefelder Stadtmagazins TIPS. Daneben Tätigkeit als freier Journalist für überregionale Musik-Magazine wie „Musikexpress“ und „Rolling Stone“. Im Rahmen dieser Tätigkeiten Platten- und Buchrezensionen, Glossen, Konzert-Reviews usw. Interviews u.a. mit Aerosmith, Red Hot Chili Peppers, The Offspring, Bad Religion, XTC, Travis, Cowboy Junkies, Wim Wenders, Stefan Heym und F.C. Delius. Musik- und Poetik-Essays sowie Polemiken über „Popmusik & Werbung” „Deutschrock”, „Muzak“, „Kalenderpoesie“ .

Mehrere Aufenthalte in London, Amsterdam und New York. Ab 1991 Texter in einer Werbeagentur, seit 1998 dort als Creative Director und Geschäftsführer tätig.

Seit 1982 regelmäßige Veröffentlichungen von Lyrik- und Prosabänden sowie Hörbüchern. Im Jahre 2000 Gewinner der Münsteraner Literaturmeisterschaft. Außerdem Gewinner mehrerer Poetry Slams in Bielefeld, Bonn und Düsseldorf.

2010: „Writer in residence“ im Brecht-Haus in Svendborg/Dänemark

Hellmuth Opitz in München

Lyriklounge
Sonntag 13.11.2011 15.00 – 19:00 Uhr
Gute Gedichte- sonst nichts.
Mit Hellmuth Opitz, Fitzgerald Kusz, Steffen Jacobs, Nora Bossong, Dirk von Petersdorf, Fritz Eckenga, F.W. Bernstein, Ulrike Almut Sandig, Thomas Rosenlöcher, Ulla Hahn
In Zusammenarbeit mit dem Lyrik Kabinett und der Zeitschrift Das Gedicht
Moderation Matthias Politycki und Julia Westlake
Club Ampere im Muffatwerk
Eintritt 12,– / 9,–
Karten unter: 089 – 54 81 81 81
muenchenticket.de

Backstage
An Münchner Schulen
Montag 14.11. 11:00 Uhr
Heute mit Felicitas Hoppe, Michael Lentz, Andreas Maier,
Hellmuth Opitz, Dirk von Petersdorff, Ulrike Almut Sandig,Hansjörg Schertenleib, Michael Stavarič
Programminfos unter:www.literaturfest-muenchen.de/backstage

Klartext
Montag 14.11.2011 16.00 Uhr
mit Nora Bossong, Meike Feßmann, Ulla Hahn, Steffen Jacobs, Fitzgerald Kusz, Sibylle Lewitscharoff, Paul Nizon, Hellmuth Opitz, Dirk von Petersdorff,Thomas Rosenlöcher,
Ulrike Almut Sandig, Hansjörg Schertenleib,Xóchil A. Schütz, Christoph Siemes und Michael Stavarič
Moderation: Matthias Politycki und Prof. Friedrich Vollhardt
LMU Hauptgebäude, Raum F107 » Eintritt frei
In Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Philologie der LMU

2 Gedanken zu “forum:autoren vorgestellt (11): Hellmuth Opitz im fabMUC-Interview

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