forum:autoren vorgestellt (15): Jan Brandt im fabMUC-Interview

Jan Brandt, Foto: Harry Weber

Stevan: Jan, in Deinen eigenen Worten, wovon handelt Dein Roman Gegen die Welt ?

Jan Brandt: Der Roman handelt von Daniel Kuper, einem außergewöhnlich fantasiebegabten Jungen, der von seiner Umwelt, den Eltern, Lehrern, Mitschülern, auf ein Normalmaß zurechtgestutzt wird. Es geht um den Wahnsinn des Erwachsenwerdens, die Wende in Westdeutschland, Popkultur in der Provinz, den Untergang eines Dorfes und um Freundschaft und Verrat.

Knapp zehn Jahre hast Du an Deinem über 900 Seiten starken Romandebüt „Gegen die Welt“ gearbeitet. „Ambitioniert bis mutig nennt man so was im Literaturbetrieb“, schrieb DIE ZEIT, das Hamburger Abendblatt witterte gar „Größenwahnsinniges“. Gab es Krisen und Momente in denen Du abbrechen wolltest, oder hast Du Dir einfach die nötige Zeit genommen?

Die Geschichte war anfangs als Novelle konzipiert, aber dann, beim Schreiben, habe ich gemerkt, dass mehr drin steckt, dass ich tiefer einsteigen muss, wenn ich alles erzählen will, was in diesem fiktiven ostfriesischen Dorf namens Jericho geschieht. Einmal bin ich dabei an meine Grenzen gestoßen. Das war am 23. September 2009, als ich mich wegen Kopfschmerzen, Halluzinationen, Augenzittern und Sprachstörungen in die neurologische Abteilung des Unfall-Krankenhauses Berlin eingeliefert habe. Anamnese: ‚Zeitweise habe er das Gefühl, die Umwelt ziehe sehr langsam an ihm vorbei, ein Gefühl von Stillstand. Verstärkte Belastungen beim Bemühen, ein erstes Buch als Verfasser zu einem bestimmten Termin abzuschließen.’

Was hast Du am Tag der Abgabe gefühlt und gemacht?

Ich bin am nächsten Tag in die USA geflogen, um vor Ort für meinen zweiten Roman zu recherchieren, der von Auswanderern handelt.

„Gegen die Welt“ wird vom Feuilleton so einig wie euphorisch gefeiert, Du bist für den Deutschen Buchpreis nominiert. Wie überrascht bist Du von den Entwicklungen rund um Deinen ersten Roman?

Erfolg lässt sich nicht planen. Gerade wegen seines Umfanges hätte das Buch auch auf Widerstand stoßen können, bei Kritikern, Buchhändlern und Lesern. Dass das nicht der Fall ist, freut mich sehr.

Du gehst im Buch neue Wege, der Erzählfluss wird mitunter gebrochen und gleichzeitig verstärkt, durch typographische Anwendungen: da teilt sich der Text über Seiten auch optisch in zwei Geschichten, wir finden Werbeanzeigen, Schriften verblassen – nicht grundlos. Wie kam es zu der Idee Wort, Erzählung und Handlung auch formal zu unterstützen?

Die Idee kam im ersten Teil des Roman, in dem Daniel Kuper eines Tages bewusstlos und halbnackt inmitten eines Kornkreises im Maisfeld erwacht und sich an nichts anderes erinnern kann als an ein paar Worte, die er immerzu wiederholt. Vor allem das Wort Mais taucht immer wieder auf, bis er durch Worte das Maisfeld und das, was ihm dort widerfahren ist im Sinne der konkreten Poesie nachstellt. Von da an hatte ich die Freiheit, alles machen mit dem Text machen zu können: Der Lokführer zerschneidet nicht nur inhaltlich, sondern auch formal die Handlung; Daniel Kupers Bewusstsein wird von Drogen vernebelt; und die ganze Geschichte wird ist umgeben von

„Gegen die Welt“ spielt in den 80er und 90er Jahren in einem kleinen, fiktiven Dorf, die Jugend der Romanfigur Daniel Kuper fällt auch in Deine Jugendjahre im ostfriesischen Leer. Die politischen Umwälzungen dieser Zeit wirken bedrohlich, finden im Roman aber eher am Horizont statt. Im Gespräch mit dem Nordwestradio sprachst Du von „einem fernen Gewitter“. „Kohls Kinder“, die „Wohlstandgeneration Golf“ gilt heute als politisch desinteressiert und wenig engagiert, „als langweiligste Generation seit dem Ende der Biedermeierzeit“ (Der Spiegel), ganz unabhängig von Stadtkind oder Dorfjugend. Wie erlebst Du Deine Generation heute?

Ich habe mich mit dieser Zuschreibung nie identifizieren können. Ich kann aber auch nur für mich sprechen, weil ich glaube, dass die Generationserfahrungen in Ermangelung kollektiver Erlebnisse heute vollkommen fragmentiert sind. In ‚Gegen die Welt’ zeigt sich diese Diversifikation, die Auflösung gemeinsamer medialer Eindrücke, die Aufspaltung in Gruppen und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Du lebst in Berlin, hast einst in München eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule absolviert. Jetzt bist Du für das forum:autoren wieder für ein paar Tage in der Stadt. Heim- oder Rückspiel?

Ich habe die Zeit in München sehr genossen, vielleicht auch deshalb, weil ich wusste, dass ich die Stadt wieder verlassen würde, um den Roman beenden zu können. Ein Leben in München hätte ich mir ohne Festanstellung nicht leisten können. Insofern kehre ich gerne in die Stadt zurück, und ich freue mich darauf, jetzt selbst bei einem Literaturfestival dabei zu sein, andere Schriftsteller kennenzulernen und mit ihnen über Literatur zu diskutieren.

In München wirst Du an einem Abend gemeinsam mit Kirsten Fuchs, Odile Kennel und Simon Urban lesen und über neue Literatur sprechen. Du wirst an einer Klartext-Debatte teilnehmen. Worauf freust Du Dich besonders, was erwartet die Festivalbesucher, was erwartest Du Dir von München?

Ich bin gespannt auf die unterschiedlichen Positionen, auf die Standortbestimmungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und auf die Reaktionen der Studierenden, der jungen Leser und Leserinnen. Vor allem, weil mein Roman Jugend aus der Retrospektive beschreibt, interessiert mich, wie es von der heutigen Jugend aufgenommen wird. Und diese Feedbackmöglichkeit ist, so hoffe ich, das Besondere an diesem Festival: Es werden nicht einfach nur die neuesten Texte vorgestellt, es wird debattiert, gestritten und gefeiert – und davon können alle nur profitieren.

Vielen Dank für Deine Zeit!

Jan Brandt

Jan Brandt, geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln, London und Berlin und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Seine Erzählungen sind in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und im WOCHENENDE der Süddeutschen Zeitung erschienen.

Jan Brandt in München

Klartext
Freitag 18.11.2011 16.00 Uhr
mit Jan Brandt, Ina Hartwig, Odile Kennel, Armin Kratzert, Jens Petersen,
Christoph Poschenrieder, Hajo Steinert, Simon Urban
Moderation: Matthias Politycki und Prof. Annette Keck
LMU Hauptgebäude, Raum F107 » Eintritt frei
In Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Philologie der LMU

Wie gehts weiter?
Freitag 18.11.2011 20:00 Uhr
Lesung und Diskussion
mit Jan Brandt, Kirsten Fuchs, Odile Kennel und Simon Urban
Musik: Weiter (Fusion aus Marsmobil und La BrassBanda!)
Moderation: Maike Albath (freie Kritikerin) und Thomas Kretschmer (Bayern 2 / Zündfunk)
Volkstheater Foyer
Eintritt 12,– / 9,–
Karten unter: 089 – 54 81 81 81
muenchenticket.de

Ein Gedanke zu “forum:autoren vorgestellt (15): Jan Brandt im fabMUC-Interview

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