Klartext VI: Plattgebügelt vom Feuilleton

Simon Urban, Armin Kratzert, Hajo Steinert. Bild: J. Krohn

Kurator Matthias Politycki eröffnete die sechste Klartext-Debatte in der Hoffnung, dass die Diskutanten diese letzte Gelegenheit nutzen würden, um sich endlich von Kulturkritik und Betriebsbespiegelung ab‑ und der Sprache als eigentlichem Kern des Literarischen zuzuwenden. Dass dies nicht gelang, vielleicht sogar spektakulär scheiterte, ist nicht Politycki anzulasten: Das Übergewicht polemisch gestimmter (männlicher!) Literaturkritiker sorgte schlicht dafür, dass die anwesenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht zu Wort kamen und eine echte Verständigung misslang.

Zu Beginn durfte Prof. Annette Keck ihre Rolle als Ko-Moderatorin nutzen, um die Germanistik, die in den vergangenen Tagen oft gescholten worden war, in Schutz zu nehmen: Keck wies noch einmal darauf hin, dass die Literaturwissenschaft nicht nur für die Vermittlung historischer Dimensionen zuständig sei, sondern ihre Aufgabe – genauso wie Literaturkritik und Schriftstellertum – darin sehe, das „Glück der Sprache“ weiterzuvermitteln.

Feuilletonist Tilman Krause, dessen Name anschließend aus dem Lostopf gezogen wurde, zeigte sich unvorbereitet und improvisierte ein Statement, in dem er den dominierenden Kulturpessimismus der literarisch-akademischen Klasse anprangerte und die Devise „Mittelmaß war immer“ als etwas Positives verstanden wissen wollte: Wirklich herausragende schriftstellerische Arbeiten und Diskursbeiträge, so Krause, habe es auch in der Vergangenheit nicht häufiger gegeben als heute. Matthias Polityckis Anliegen, sich wieder auf gemeinsame Bewertungskriterien zu verständigen, empfände er als „rückwärtsgewandte Utopie“.

Jan Brandt vor komplementärfarbenem Hintergrund. Bild: J. Krohn

Der Schriftsteller Jan Brandt („Gegen die Welt“) präsentierte anschließend eine kleine Umschau seiner gegenwärtig schreibenden Kolleginnen und Kollegen, deren Vorzüge er pries, bevor er bemängelte, die bestehenden deutschsprachigen Romane seien trotz allem ‚rückwärtsgewandt‘ und erreichten nicht das epische Niveau US-amerikanischer Monumentalromane. Brandt gab seiner Hoffnung nach einer deutschen great American novel im Stile eines David Foster Wallace Ausdruck; der deutschsprachigen Literatur fehle schlicht deren „literarischer Größenwahn“. Weiterlesen

Klartext (16.11): Julian Werlitz

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! -

Das sind die ersten vier Verse des Gedichts “Der Fliegende Robert” von Hans Magnus Enzensberger. Es bezieht sich auf die letzte Geschichte des “Struwwelpeter”, in der ein aufmüpfiges Kind während eines Sturms, an einen Schirm geklammert, durch die Wolken fliegt. In Enzensbergers gewagter Umdeutung wird dieser tragische Unfall zur trotzigen Realitätsflucht. Das “Sauwetter” müsste demnach eine irgendwie ungemütliche Gegenwart meinen – ob gesellschaftlich, politisch oder einfach nur alltäglich-langweilig.
Ich spare es mir, jetzt Gemeinplätze zu unserer stürmischen Zeit aufzusagen. Es soll hier nur um die Wetterlage der deutschen Gegenwartsliteratur gehen. Und in einer – vielleicht ebenfalls gewagten Umdeutung – will ich diese ausgehend vom Begriff des Eskapismus bestimmen:
Man bezeichnet damit eine – bewusste oder unbewusste – Haltung gegenüber der Realität: aus ihr wird geflüchtet in scheinhafte Ersatzräume, wie etwa der fiktiven Welt eines Romans. Weiterlesen

Klartext (16.11): Cornelia Zetzsche

„Made in Germany“ ist eine Frage des Standorts
Deshalb: 3 STANDORTE und ein paaar uralte FRAGEN

1.Der Standort Deutschland produziert – bei aller Artenvielfalt – Literatur vom Mittelstand für den Mittelstand in mittleren Lagen, wohltemperiert.
Literatur „made in Germany“ ist streichholzklein auf der Karte der Weltliteratur, unsichtbar auf Google Earth.
Deutsche Literatur im Ausland, ist „eine Maus, die brüllt“ (Leonard Wibberly).
Nur 1000 von 14 000 Titel werden übersetzt, v.a. von China, das hat Bedarf an Freizeit, Erholung, Kultur und anderen „weichen Standortfaktoren“ wie der „Achtung von Menschenrechten“.
Literatur „Made in Germany“ ist ohne Referenzsystem zur Welt.
Ein Standort ohne Standpunkt?
Pose statt Position?
Avanciert, aber keine Avantgarde?
Realistisch, aber realitätsfern?
Hier die Literatur – dort das Leben?!
Muß man erst Goethe lesen, um etwas über Geld zu erfahren??
Bleiben Armut und Prekariat Günter Wallraff, Clemens Meyer und Volker Braun überlassen?
Warum geht eine kurze Geschichte von Alice Munro mehr unter die Haut als mancher dicke Roman hierzulande?
Weil sie sich liest, als schreibe sich das Leben selbst?
Vielleicht schafft man ja, was einst mit deutschen Messern und Dolchen in England gelang: Aus „Made in Germany“, aus dem englischen Kennzeichen für „minderwertige Feindesware“ ein Gütesiegel zu machen?!

2. Standort: Der Schreibtisch als Denkort ist passé.
Ein Autor von heute ist unterwegs im Tournee-Karussell, blickt durchs Fenster auf die Realität, durchs Zugfenster, auf den Bildschirm.
Hat keine Zeit zu erkunden, „was wirklich wichtig ist, was Stil und Relevanz hat.“ (Politycki)
Keine Zeit, auf „Inspiration“ zu warten, das Leben zu leben, Stoff bieten könnte.
Literatur schöpft aus dem Fundus von Erfahrung, aber Erlebnisse sind noch keine Erfahrung, Autobiographisches garantiert keine Authentizität.
Und „nichts ist so phantastisch wie das Authentische“(Rainald Goetz, Irre).
Wo ist denn „der Stoff, der auf Nägeln brennt?“
Das innere Brennen, die innere Notwendigkeit, dies und nichts anderes zu schreiben zu können und zu müssen?
Der Schrecken, über den man lachen darf?
Der existentielle Ernst – pathosfrei und ohne Sentiment?
Wo ist der „Stil, der im Ethischen wurzelt“, wie Sibylle Lewitscharoff sagt?
Der ureigene Ton – nicht der Sound einer Generation?!
Und wo ist die Verankerung im Universalen? Wo kippt das Kleine ins Große?
Wo ist Literatur, die trifft, berührt, angreift, ergreift, verletzt und selbst verletzbar ist?
Literatur, die verändern will und verzaubert und zeigt: Die Wahrheit liegt immer einen Hauch neben der Wirklichkeit.
Die gute Nachricht ist: Es gibt die Ausnahmen im Allerlei:
Es gibt Klüssendorf, Lentz, Lewitscharoff und andere.
Es gibt die Frischzellenkur durch Chamissos Enkel,
Migrantenkinder wie Calis und Zaimoglu.
Es gibt die Morgenröte im Osten von Schulze bis Kathrin Schmidt, Tellkamp bis Schalansky, deren Erfahrungsraum reicher scheint als manchmal hierzulande. Bitte mehr davon!

3. Standort München
Alles ist wunderbar, Oberhausen wäre froh über dieses literarische Angebot. Zweimal Münchner Literaturfest und schon ist’s „Tradition“, sagt der Referent und verkennt, daß München eben nicht Oberhausen ist. OB Ude rühmt München längst vorsichtiger: nicht mehr als zweitgrößte Verlagsstadt der Welt, sondern als größte Europas.
Passé ist der Föderalismus der alten BRD, es wirkt der Magnetismus Berlins.
Autoren verlassen den Standort München: Ulrike Draesner, Rainald Goetz, Michael Lentz, Maxim Biller, Rafael Seligmann, Günter Herburger, Ilija Trojanow.
Sie flüchten vor hohen Mieten und Ereignislosigkeit.
Verlage gehen: Ullstein, Econ, List, Blumenbar.
Krüger nennt München eine „Rentnerstadt“ und eröffnete die Hanser-Filiale in Berlin.
Die Literaten-Villa Waldberta ist nun ein Künstler-Gästehaus – ohne Programm. Buchhandlungen sind ausgehebelt vom Literaturhaus, aber Richard Powers, Column McCann, die Stadtschreiber aus Argentinien und Island ziehen an München vorbei, nach Salzburg, Zürich und Stuttgart!
Wer Literatur will, muß reisen, am besten nach Berlin.

Cornelia Zetzsche. Die in Leipzig geborene Cornelia Zetzsche studierte in Tübingen Germanistik, Geschichte und Politik. Nach Stationen in der Europa-Politik, bei Printmedien und beim Fernsehen, arbeitet sie heute im Hörfunk des Bayerischen Rundfunks als Literaturredakteurin und moderiert unter anderem Sendungen wie „radioTexte – Das offene Buch“ und das Büchermagazin „Diwan“. Darüber hinaus kuratiert Cornelia Zetzsche Festivals und ist Lehrbauftragte der Ludwig-Maximilian-Universität München.

Klartext (18.11): Annette Keck

Als Literaturwissenschaftler_innen haben wir bislang nur am Rande gesprochen und so sollte es auch sein, es war und ist ein Forum der literarischen Autorinnen und Autoren. Schreibende über Literatur wurden zudem gehört, die feuilletonistische Literaturkritik, auch heute wieder auf dem Podium zu finden. Wir von der Wissenschaft definierten unsere Rolle hier so, wie sie uns auch sonst wo gerne zugeschrieben wird, als Gastgeber und freundliche Randfiguren, die moderieren, zurückhaltend diskutieren und ab und an historische Tiefendimensionen bereithalten. Zu Texten jüngsten Datums – so war hier zu hören – haben sie nichts zu sagen, weil die Herren und Damen Germanisten – wie Herr Schrott sekkant spitzelte –  keine Kriterien der Literaturkritik (mehr) haben und/oder sicherheitshalber auf ihren Bürostühlen abwarten, bis sich das eine oder andere kanonisiert hat, um dann die professoralen Häupter darüber beugen zu können und die Theorien herauszuschreiben, welche „der Dichter“ einige Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte davor hineingeschrieben hat. Schon Friedrich Nicolai, ein giftiger Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts, fand es unglaublich komisch, dass Schiller philosophische Begriffe „ausgerechnet in Gedichte“ hineinschreibt; die Literaturwissenschaft ist ihm (Schiller) dafür bis heute verpflichtet, Nicolai weniger, der vor dem Auseinanderdriften von Kunst und Unterhaltung warnte. Weiterlesen

Klartext (18.11): Roxanne Phillips

Paradoxien, heute.

Von einem einheitlichen Subjekt haben wir uns schon lange verabschiedet und gerade unsere heutige Zeit führt uns das täglich vor Augen. Wir haben ein Arbeits-Ich und ein Privatleben-Ich, ein Allein-Ich und ein Ubahn-Gesicht-Ich – unser Dasein ist projektförmig geworden. Wir wollen frei und selbstbestimmt sein, aber wissen nicht, was das ist, weil wir von Geburt an von einer gesellschaftlichen, normativen Ordnung definiert werden, die zudem unsere kärgliche Freiheit überhaupt erst ermöglicht. Gespalten zwischen Freiheit und Determiniertheit ist der Mensch mit sich nicht vereinbar; er lebt und handelt als Kontradiktion seiner selbst. So ärgern wir uns über Suchmaschinen, die private Daten erheben, und laden im nächsten Moment ein neues Foto auf Facebook hoch.
Literatur übernimmt diese eigentümliche Spaltung des Menschen, der ihr Subjekt ist, und trägt sie spiegelnd in sich. In jedem Text findet ein Kampf um Autonomie statt, mal mehr und mal weniger explizit. Literatur will Selbstzweck sein, aber drängt darauf, gelesen zu werden und begibt sich damit in ein Abhängigkeitsverhältnis. Ohne ein Gegenüber, der das geschriebene Wort als Selbstzweck erkennt, steht schließlich in Frage, ob dieser Selbstzweck überhaupt existiert. Literatur bedarf somit des Menschen, um ihre eigene Bedeutung, das heißt die ihr eigene Autonomie und Freiheit, zu erlangen. Aber damit begibt sie sich in den Spiegel derer, die sie lesen und die sie schreiben, und verliert sich.
Die kuriose Determiniertheit wird von Mensch als auch von Literatur immer wieder reproduziert, damit wenigstens ein Anhauch von Freiheit spürbar wird. Literatur und Mensch sind Paradoxien, die sich ständig neu kreieren, um ihre je eigene Spaltung zwischen Autonomie und Abhängigkeit zu verwinden. Weiterlesen