Klartext (18.11): Christoph Poschenrieder

Ja klar, was zur Gegenwartsliteratur, kein Problem, hab ich mir gedacht. Ich bin aber doch bei der Begriffsklärung hängengeblieben. Naiv vielleicht, aber Gegenwartsliteratur, das war für mich immer das, was uns zweimal im Jahr zehntausendfach vor die Füße gekippt wird. Was halt neu ist. Selbst wenn einer zehn Jahre an seinem Werk gearbeitet hat: es zählt das Datum der Publikation.

Dann blättere ich in der ZEIT und sehe die Werbung für einen Kursus auf DVD, „Deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit 1945.“ Wie bitte? 2011 minus 1945 =  66. Schon seit 66 Jahren ist Gegenwart? Wie gesagt, ich bin naiv und ich staune gern:

Also, Wirtschaftswunder und Hartz 4, Mauerbau und Mauerfall, Babyboom und Antibabypille, Auschwitzprozesse und 68er, „Digital Natives“ und Telefon mit Wählscheibe, die Zeit vor und nach meinem ersten Personal Computer, vor und nach Mobiltelefon, die endlosen Jahre der Kohl-Kanzlerschaft, die Abschaffung des § 175, Schwarzweiß-TV, Schlaghosen, was noch alles…  – das alles EINE Gegenwart? Für mich ist das kontraintuitiv, und es entspricht auch nicht meinem eigenen, allerdings nicht ganz 66jährigen, Erleben. Weiterlesen

Klartext (18.11): Simon Urban

Eine kurze Überlegung zum Hunger auf Literatur

Neulich fiel mir bei einer Freundin in Mannheim ein Ratgeber zum Thema „Kreatives Schreiben“ in die Hände. Ich blätterte ein wenig darin herum und blieb an folgender Stelle hängen:

Die Amerikaner sind, was ihre Literatur angeht, deutlich weniger an syntaktischen Sektionen [...] interessiert als an lustvoller, vergnüglicher Lektüre. Ihre Einstellung ist pragmatischer, erfolgsorientierter und vor allem weniger glaubenseifrig. [...] eine voreilige Zuordnung wie Genre = U = nicht seriös = trivial versus Sprachexperiment = E = „wahre“ Literatur fiele nur wenigen ein.“

Da war es wieder: dieses alte Klischee, dass Bücher hierzulande schnell der so genannten Unterhaltungsliteratur zugewiesen werden, wenn sie es wagen, sich einer Gattung zu nähern –  dieses alte Klischee, von dem ich immer schon das Gefühl hatte, dass es einen sehr großen wahren Kern hat. Weiterlesen

Klartext (18.11): Jan Brandt

[Bilder zum Vergrößern anklicken]
Jan Brandt, geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln, London und Berlin und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Seine Erzählungen sind in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und im WOCHENENDE der Süddeutschen Zeitung erschienen.

Klartext (18.11): Odile Kennel

Wenn nein, ändert das etwas?
Ein Interview.

Guten Tag, ich begrüße Sie herzlich an der Universität München zur Debatte zur deutschen Gegenwartsliteratur, zu der wir heute auch eine Autorin geladen haben.
Guten Tag Frau Lennek, schön dass Sie sich bereit erklärt haben, mit uns über die deutsche Gegenwartsliteratur zu diskutieren.

Was halten Sie von der Klage, die in Klagenfurt und anderswo immer wieder zu hören ist, dass es keine Texte mehr gebe, die etwas Neues wagten?

Nichts.

Wenn ich Sie also richtig verstehe, würden Sie der Aussage zustimmen, wonach „das Neue keine Qualität an sich“ sei, „sondern immer eine Interpretation dessen, was schon da ist“[1]?

Ja. Weiterlesen

Klartext (18.11): Armin Kratzert

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ein Fest für die Literatur – finde ich großartig! Aber was machen wir hier eigentlich? Da sitzen jeden Tag freundliche Leute in einem tristen Raum der Uni und hören 10 oder 12 Menschen zu, die über Literatur reden oder den Literaturbetrieb oder was sie dafür halten. Das heißt ‚Klartext’. Aber welches ist das Thema? Wo sind die Fragen? Worüber sprechen wir?

München, angeblich eine der wichtigsten Verlagsstädte der Welt, was wohl daher rührt, dass ein Gütersloher Mischkonzern mit amerikanischem Namen seine zusammengekauften Verlage in einem Gewerbegebiet in Berg am Laim parkt, München also, die berühmte Verlagsstadt, leistet sich jedes Jahr im späten Herbst mit der ‚Corine’ eine wirklich groteske Literaturpreisparodie, und mit der ‚Bücherschau’ im Gasteig die größte Bahnhofsbuchhandlung diesseits von Castrop-Rauxel.

Und neuerdings eben auch noch das forum:autoren. Weiterlesen